Matthias Rüegg, HWZ

Aktuell30. November 2020

Der viral beschleunigte Eintritt ins digitale Bildungszeitalter

Prof. Matthias Rüegg, Rektor HWZ, äussert sich im Interview, das in der Beilage «Alpha» unter anderem im Tagesanzeiger wie auch in der Sonntagszeitung erschienen ist, inwiefern die Corona-Krise an den Hochschulen wichtige Entwicklungen vorangetrieben hat. Er sieht E-Learning als Chance, von der lehrerzentrierten Stoffvermittlung wegzukommen und ist sich dennoch sicher, dass Präsenzunterricht nach wie vor zentral für die Sozialkompetenz ist.

Dieses Interview ist als Erstpublikation in der Beilage «Alpha» unter anderem im Tagesanzeiger und in der Sonntagszeitung erschienen. Das Interview hat Andreas Minder geführt. 

Matthias Rüegg, es gibt Exponenten der Bildungsszene, die die Corona-Pandemie
als Glücksfall bezeichnen, weil sie der digitalen Transformation der Schulen
Vorschub leiste. Sehen Sie das auch so?

Von einem Glücksfall würde ich nicht sprechen, aber wo viel Schatten ist, gibt es auch Licht. Die Situation hat alle zum Handeln gezwungen. Insofern ist Corona ein Treiber für neue Entwicklungen. Das Schweizer Schulsystem hat ein gewisses Beharrungsvermögen, nun mussten und konnten Entwicklungen vorangetrieben werden, die eigentlich schon lange nötig gewesen wären.

Wie gut war Ihre Schule vorbereitet?

Wir hatten bereits länger ein LearningManagement-System (LMS) mit Online-Dokumentenverwaltung, Foren und Videokonferenzen im Unterricht eingesetzt. Auf diesen Sommer haben wir das System auf die neueste Version aktualisiert. Der Schritt zum Fernunterricht war für uns deshalb nicht mehr gross, wobei nicht alle Dozierenden gleich gut mit der Technik zurechtkamen. Aber es haben alle viel Einsatz gezeigt, und das wurde von den Studierenden geschätzt. Oft entwickelte sich eine positive Dynamik: Man half sich gegenseitig. Studierende gaben anderen Tipps oder wiesen auf nützliche Funktionalitäten eines Programms hin, die die Lehrpersonen nicht kannten. Es entstand eine Schicksalsgemeinschaft. Hätte man das neue System planmässig eingeführt, hätten die Studierenden möglicherweise nicht so viel Verständnis aufgebracht, sondern erwartet, dass alles perfekt klappt.

Was waren die hauptsächlichen Schwierigkeiten?

Durch den schnellen Wechsel waren die didaktischen Konzepte häufig noch nicht auf Fernunterricht ausgelegt, was zu suboptimalen Ergebnissen führte. Man hört zum Beispiel, dass die Lernerfolge zwischen den Schülern weiter auseinandergedriftet sind. Insgesamt konnte jedoch eine steile Lernkurve bei Lehrpersonen und Lernenden festgestellt werden. Aber es braucht noch weitere Efforts. Die Didaktik für Fernunterricht ist eine ganz eigene. Da sind auch die pädagogischen Hochschulen gefordert.

Wenn die Didaktik stimmt: Können im Fernunterricht ähnlich gute Ergebnisse erreicht werden wie im Präsenzunterricht?

Rein von den Lernresultaten her kann man sehr weit kommen, vielleicht teilweise sogar weiter. Aber es hat sich in dieser Pandemie gezeigt, dass die soziale Reife, die Sozial- und Selbstkompetenz wohl nicht im gleichen Mass gefördert werden, wie wenn man sich in einer Klasse physisch begegnet. Bildung ist und bleibt Beziehungsarbeit, ein sozialer Prozess. Er läuft bei örtlicher Nähe immer noch besser als via Videokonferenz. Deshalb plädiere ich für eine Mischung von Fern- und Präsenzunterricht. Es wird nach didaktischen Kriterien zu entscheiden sein, welche Teile der Ausbildung mit Vorteil vor Ort vermittelt werden und wo E-Learning besser ist.

In welchen Bereichen der Bildung hat die Digitalisierung am meisten Potenzial?

E-Learning kann helfen, von der lehrerzentrierten Stoffvermittlung wegzukommen. Stattdessen können sich die Studierenden Wissen selbstständig erarbeiten. Dazu braucht es aber ausgereifte Lehr- und Lernarrangements. Stehen solche in einem virtuellen Lernraum bereit, können die Studierenden sie abholen, wann es ihnen entspricht und sie in ihrem Tempo bearbeiten. Dabei ist es wichtig, dass Studierende jederzeit wissen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Da kommen die formativen Lernkontrollen ins Spiel. Formative Lernkontrollen sind Aufgabenstellungen, die während des Lernprozesses beantwortet werden müssen. Sie zeigen den Studierenden laufend, wo sie stehen und wo sie noch zusätzlich investieren müssen. Leider wird die Einbettung von elektronischen Leistungsnachweisen in die Lehre häufig noch vernachlässigt. Wir sind im Moment daran, solche Module zu entwickeln und auf unser LMS zu stellen.

Ist das nicht sehr aufwendig?

Doch, das ist mit einigem Aufwand verbunden. Wir versuchen, die Dozierenden und die Fachschaften zu motivieren, solche Lernarrangements zu entwickeln. Wenn wir es schaffen, dieses System breit zu installieren, dürften die Unterschiede zwischen den Studierenden abnehmen, weil sich die Schwächeren mit diesen Instrumenten selbst helfen können. Was wiederum die Dozierenden entlasten wird. Gleichzeitig bekommen die Dozierenden eine andere Rolle. Sie können jederzeit nachschauen, wo ihre Studierenden stehen, was sie verstanden haben, was nicht. Darauf können sie eingehen und die Studierenden auf ihrem individuellen Lernpfad als Coach unterstützen.

Sind die Dozierenden zu diesem Rollenwechsel bereit?

Es ist die Aufgabe der Schule, hier Führung zu übernehmen. Sie muss zeigen, welche Entwicklungen gewünscht sind und muss die Dozierenden konsequent einbeziehen. Nur vom Lehrkörper getragene Schulentwicklungen sind nachhaltig. Entscheidend ist auch, dass die Dozierenden unterstützt werden: durch Schulung, durch technischen Support, durch gute und zuverlässige Infrastruktur. Geschieht das nicht, leidet die Motivation. All das ist ein längerer Prozess. Wir sprechen hier von Veränderungen in der Schulkultur. Diese benötigen Zeit.

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