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Im Fokus05. Juni 2019

Die Sünden der Vergangenheit: Unternehmen und ihre historische Verantwortung

Können Unternehmen für ihre Vergangenheit verantwortlich gemacht werden? Wenn ja, wie sollen sie reagieren, wenn die Öffentlichkeit ein begangenes Unrecht oder Fehlverhalten in der Vergangenheit problematisiert? Der aktuelle Fall um die Bahlsen-Konzernerbin der berühmten Leibniz-Kekse zeigt ein Phänomen, für das sich die unternehmensethische Forschung zunehmend interessiert und auch in der Praxis an Bedeutung gewinnt.

Ein Beitrag von Christian Stutz

Mit Aussagen zur Beschäftigung von Zwangsarbeitenden in der NS-Zeit hat Verena Bahlsen, Erbin des gleichnamigen Konzerns, jüngst für viel Aufregung gesorgt. In einem Bild-Interview äusserte sie sich: «Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.» Historiker, aber auch die informierte Öffentlichkeit waren schockiert, denn Zwangsarbeiter wurden bekanntlich rassistisch diskriminiert und ausgebeutet.

Bahlsen wird von NS-Zeit eingeholt

Mit ihrer Aussage eröffnete Verena Bahlsen unbeabsichtigt eine neue Debatte über begangenes Unrecht der Firma Bahlsen in der NS-Zeit. Dieses Unrecht schien aus Unternehmenssicht im Jahr 1999 mit dem Beitritt zur Stiftungsinitiative «Erinnerung, Verantwortung und Zukunft» und einer (relativ bescheidenen) Zahlung an einen Entschädigungs-Fonds ehemaliger Zwangsarbeiter zunächst aus der Welt geschaffen zu sein, als ein Gericht Klagen gegen Bahlsen aus Verjährungsgründen abwies.

Als Reaktion auf den medialen Aufschrei hat sich die Konzernerbin nun entschuldigt und erkannt, dass wir «als Nachfolgegeneration […] Verantwortung für unsere Geschichte» haben. Zudem lasse das Unternehmen, so die Kommunikationsabteilung, die NS-Geschichte des Unternehmens wissenschaftlich neu aufarbeiten.

Bahlsen ist kein Sonderfall

Diese Episode ist kein Einzelfall, und betrifft bei weitem nicht nur deutsche Unternehmen und ihr Verhalten im Dritten Reich, wie z.B. die aktuelle Glyphosat-Klagewelle gegen Bayer in den Staaten zeigt. Die unternehmensethische Forschung hat sich erst kürzlich diesem Thema angenommen, um nicht nur die Verantwortung von Unternehmen im Hier und Jetzt (z.B. Menschenrechtsprobleme in globalen Lieferketten), sondern auch die historische Dimension der Unternehmensverantwortung zu erfassen.

Dank Forschung historische Verantwortung verstehen und Reputation sichern

So hilft aktuelle Forschung von Judith Schrempf-Stirling (Universität Genf), Guido Palazzo (Universität Lausanne) und Rob Phillips (Schulich School of Business, York) Unternehmen, ihre historische Verantwortung besser zu verstehen, um Reputationsprobleme vorzubeugen und ethisch zu handeln.

Diese Forschung beleuchtet zunächst, was einem öffentlichen Vorwurf bezüglich der Vergangenheit Legitimität verleiht und so eine Unternehmensreaktion provoziert. Folgende Fragen können dabei leitend sein:

  • Wurde das Verhalten bereits im damaligen historischen Kontext kritisiert? Hätten es die damaligen Verantwortlichen «besser wissen» können?
  • War ein anderes Verhalten im damaligen historischen Kontext überhaupt möglich (z.B. gab es bereits den technischen Standard, der aus heutiger Sicht verletzt wäre)?

Unwichtig hingegen ist, ob das Verhalten in der Vergangenheit legal war. Eine Beschäftigung mit der Historie zeigt, dass sich moralische Standards über die Zeit verändern. Das Recht der Vergangenheit betrachten wir heute oft als Unrecht wie z.B. die Diskriminierung von LGBT.

Unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten und ihre Folgen

Wenn historische Vorwürfe in den Augen der Öffentlichkeit legitim erscheinen, sind Unternehmen herausgefordert, darauf adäquat zu reagieren.

So kann ein Unternehmen die Problematisierung der Vergangenheit ignorieren oder gar alternative Fakten anbieten. Eine Firmenchronik von Bahlsen aus dem Jahr 2014 hält fest, so DIE ZEIT, dass «[d]ie gleiche Bezahlung wie deutsche Arbeiter […] selbstverständlich [war] und die gute Behandlung führte dazu, dass sie sich am Ende des Krieges gemeinsam mit den deutschen Kollegen vor ‘ihr’ Werk stellten und eine Plünderung verhinderten.» Diese Form der Geschichtsklitterung birgt ein erhebliches Reputationsrisiko, wie die aktuelle Debatte um Bahlsen belegt.

Auf der anderen Seite des Verhaltenskontinuums kann sich ein Unternehmen um Offenheit und Transparenz bezüglich seiner Vergangenheit bemühen. Die jüngste Kommunikationsstrategie der Bahlsens zielt genau darauf. Laut der Forschung dient diese Reaktion nicht nur zur Etablierung einer historischen Gerechtigkeit – sofern überhaupt möglich–, sondern ermöglicht auch Reputationschancen. Ein Unternehmen, das sich seiner problematischen Geschichte stellt, kann in den Augen der Öffentlichkeit an Ansehen gewinnen, so die Forschung.

Geschichten werden vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit verstanden

Da Geschichten der Vergangenheit immer wieder neu – nämlich vor dem Hintergrund eines sich verändernden zeitgenössischen Kontexts – erzählt werden, sind Unternehmen nicht vor einer erneuten Problematisierung ihrer Vergangenheit gefeit. Auch dies zeigt der Fall Bahlsen eindrücklich. Das Zwangsarbeiter-Thema bei Bahlsen kam erst auf, als in der Twitter-Welt als Reaktion auf einen umstrittenen Auftritt der Erbin an einem Marketingkongress ein Artikel über die abgewiesenen Klagen von 2000 zirkulierte.

Der Fall zeigt damit, dass die historische Unternehmensverantwortung im digitalen Zeitalter noch mehr an Bedeutung gewinnen wird.

 

Verwendete Quellen

 

Zur Person: Christian Stutz

Portrait Christian StutzChristian Stutz ist wissenschaftlicher Projektleiter und Lehrbeauftragter im Bereich Corporate Social Responsibility an der HWZ. In seiner Forschung kombiniert er u.a. Geschichte (Methodik, Theorie, Empirie) und Management- und Organisationstheorien im Bereich der Corporte Social Responsibility. Momentan kuratiert er zusammen mit Rob Phillips und Judith Schrempf-Stirling eine Sonderausgabe über historische Unternehmensverantwortung, die im Journal of Business Ethics erscheinen wird.

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