«Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.»

19.12.2017

Auf sein Start-up angesprochen meint Andri Mengiardi, dass vieles unmöglich scheine, bis es dann eines Tages vollbracht sei. Sein Unternehmen ist «esurance», ein Versicherungsguide, der Kleinunternehmen und KMUs durch den Versicherungsdschungel begleitet. Wie er in seinem Start-up Mensch, Markt und Marke definiert, wieso Anpassungsfähigkeit notwendig ist und wieso er mutig neue Wege zu beschreitet, erklärt der Machertyp und EMBA-Marketing-Absolvent im Interview.

 

HWZ-Beitragsbild-Interview-Mengiardi

Ihr Start-up kurz erklärt

esurance ist ein Versicherungsguide, der Kleinunternehmer und KMUs durch den «Versicherungsdschungel» begleitet. Während der Unternehmer sich auf sein Kerngeschäft fokussiert, übernimmt esurance die Administration der Versicherungsangelegenheiten. Pflichten werden gesetzeskonform umgesetzt, Rapporte und Entscheidungsgrundlagen digital aufbereitet. Der Unternehmer behält die volle Kontrolle. Bei Veränderungen am Markt erstellt ein persönlicher Versicherungsguide transparente und übersichtliche Versicherungsvergleiche (Offerten) von mehreren Anbietern. Der Unternehmer kann in Ruhe entscheiden. Hausbesuche von Versicherungsvertretern sind damit überflüssig, denn esurance ist mit den Versicherungen bestens vernetzt. Kommuniziert wird über den «Wunschkanal» des Unternehmers. Meistens via Email oder Telefon. Aber auch Live Chat, Co-Browsing und Video-Chat stehen im Angebot. Oft muss gar nicht mehr kommuniziert werden, denn alle Daten und Policen sind in einem Onlineportal abgebildet. Der Unternehmer kann seinem Treuhänder den Zugriff auf das Portal gewähren und so administrative Prozesse vereinfachen. Damit können nicht nur die Kosten der Versicherungen, sondern auch die des Treuhänders reduziert werden. esurance arbeitet mit allen Versicherungen der Schweiz zusammen, ist der FINMA unterstellt und Teil der ASSEPRO Gruppe, einer der führenden B2B Broker der Schweiz. In dieser Konstellation können endlich auch kleineren KMUs den Zugriff auf eine professionelle Brokerage Dienstleistung mit Branchenlösungen und Sonderkonditionen zugreifen.

Wie kamen Sie auf die Geschäftsidee?

Versicherungen sind komplex. Wir kennen niemanden, der Versicherungen liebt ohne sie gleichzeitig zu hassen. Leuten dabei zu helfen, ist Teil unserer DNA. Und deswegen haben wir 2013 esurance gegründet. Wir versuchen an einer der grössten Industrien zu rütteln. Das ist spannend, kühn und eine seltene Opportunität zugleich. In diesem Kontext haben wir «Selbstbestimmung für Unternehmer» neu definiert. Wir haben herkömmliche Prozesse hinterfragt und diese digitalisiert. Heute sind wir bereits 30% effizienter als ein herkömmlicher B2B Broker. Dadurch können wir Kleinunternehmen den Zugriff auf eine professionelle Brokerage Dienstleistung ermöglichen. Denn für herkömmliche Broker sind Kleinunternehmen mit weniger als 10 – 20 Mitarbeitenden schlicht und einfach zu wenig rentabel, um diese proaktiv betreuen zu können. Aus diesem Grund delegieren nur ca. 30 % der Kleinunternehmungen die Verwaltung der Versicherungen an einen Broker. Bei den mittleren und grossen Unternehmungen liegt die Outsourcing-Quote hingegen bei 95 %.

Was war für Sie ausschlaggebend den EMBA Marketing an der HWZ zu absolvieren?

Als Machertyp bin ich der Überzeugung, dass es bei der Unternehmensführung zwei wertschaffende Bereiche gibt: Zum einen Marketing und zum anderen Innovation. Bei beiden steht der Mensch im Mittelpunkt. Das fasziniert mich. Leider wird das Wort «Marketing» zu oft falsch interpretiert. Die Definition der HWZ («Marktorientierte Unternehmensführung») hatte mich damals überzeugt. Zudem wollte ich meine Praxiserfahrungen durch eine wissenschaftlichen «Brille» reflektieren. Ich wollte den Status quo systematisch hinterfragen, die Perspektive wechseln, suchte nach Inspiration für den nächsten Schritt in meiner Karriere. Suchte nach einem geführten Prozess, der Veränderung mit sich bringt.

Gibt es Learnings aus diesem Studium, die Sie regelmässig anwenden?

Oh ja, reihenweise. Angefangen bei etlichen Führungsinstrumenten, über zahlreiche Strategie-Tools bis hin zu persönliche Learnings, die mich als Mensch geformt haben.

Welche sind für Sie die wichtigsten Learnings – auch in Hinblick auf Ihr Start-up?

Ich möchte nicht einfach harte Fakten quantifizieren und diese in eine Reihenfolge bringen. Das wäre der falsche Ansatz um diese Frage zu beantworten. Im Endeffekt sind es ja vor allem die weichen, zwischenmenschlichen Faktoren, die Veränderung und Wachstum mitsichbringen. Wenn man verinnerlicht hat, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und kulturelle Aspekte die strategischen Aspekte bei weitem überragen, dann hat man ja schon einiges gelernt.

Und wie ich das Gelernte bei uns im Start-up Umfeld einsetze? Ganz einfach. Genau so wie ich es auch im Corporate Umfeld einsetzen würde:

Mensch: Kommunikation ist, was beim Empfänger ankommt.
Markt: Der Versuch bestätigt die These. Nicht umgekehrt.
Marke: Ich kann nicht «keine Marke» haben. Ich bin die Marke.
Vor einem Jahr hatte esurance noch kein Profil (Marke). Die Zielgruppe von esurance? Alle Menschen in der Schweiz (Markt). Die Value Proposition? Hat kein Mensch verstanden (Mensch). Heute ist esurance klar, mutig, nahbar und vernetzt. Ein “Versicherungsguide” der Unternehmer durch den Versicherungs-Dschungel führt.

Wem empfehlen Sie unseren EMBA-Marketing?

Jedem, der sich mit den Themen Mensch, Markt und Marke vertiefen möchte. Kurz: Jedem selbsternannten «Entrepreneur» und «Betriebswirtschafter», der das Gefühl hat, dass Marketing Werbung ist.

Sie scheinen ein Teamplayer zu sein. Ihre Masterarbeit haben Sie mit einem Kommilitonen verfasst und ein anderer Mitstudent ist nun CFO bei Ihrem Start-up. Wie kam es dazu?

Die Antwort ist kurz und einfach: Mensch, Markt, Marke.

Welchen Stellenwert haben Teams für Sie?

Das ist eine philosophische Frage. Gibt es dafür eine generische Antwort? Wir bei esurance sind mutig und haben eine neue Organisationsform implementiert. Nicht etwas aus dem Lehrbuch, sondern etwas, was uns sinnvoll erscheint. Wir organisieren uns in Rudel-Formationen und definieren hierarchische Strukturen neu. Der Schwächste wird vom Stärksten im Rudel ausgeglichen. Einer im Rudel übernimmt jeweils den Lead und die Formationen werden vom Team laufend neu definiert. Unsere Ziele erreichen wir gemeinsam und vor allem werteorientiert. Wir haben einen klaren Kodex. Core Values, die wir täglich leben und nicht nur an einem Strategie-Workshop auf Papier bringen.
Mit uns zu arbeiten, bedeutet persönliche und berufliche Reflexion. Jeder muss Entscheide treffen, muss Verantwortung übernehmen und jeder muss dabei Fehler machen. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Jeder muss die Fehler mit dem Rudel teilen und dabei etwas lernen wollen. Und sonst? Sonst hat jeder alle Freiheiten der Welt, die er ausleben kann.

Sie sagen: «It is not the strongest of the species that survive, nor the most intelligent, it is the one that is most adaptable to change. Welche Anpassungsfähigkeiten sind gefragt?

Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren. Ich wollte nie in eine Firma gehen, in der ich vielleicht ein nettes Umfeld habe, aber nichts bewegen kann. Natürlich habe ich bei esurance weniger Sicherheit, die Risiken sind hoch, aber gleichzeitig fühlt sich die Arbeit in einem solchen Startup einfach ehrlich und bodenständig an. Die Arbeit in einem Startup ist zwangsläufig dynamisch und der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg schmal, man sucht dann eine gewisse Sicherheit zwischen den Extremen. Und trotzdem: Es bleiben die ständigen Restzweifel, ob man am Markt reüssieren kann. Denn vieles scheint unmöglich, bis es eines Tages vollbracht ist.