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Im Fokus18. Dezember 2018

Unterricht und Beurteilung im digitalen Wandel

Wissen vervielfältigt sich immer schneller. Die Zukunft verlangt nach neuen Skills. Schulen müssen Persönlichkeiten entwickeln, die sich selber steuern und kontrollieren können. Während Künstliche Intelligenz (KI) in den Schulzimmern Einzug hält, verändert sich die Rolle der Lehrpersonen.

Eine Bestandsaufnahme von Matthias Rüegg, lic. oec., dipl. Hdl. HSG.

Matthias Rüegg, HWZ

Matthias Rüegg, HWZ

Aus jungen Menschen sollen kompetente Menschen entstehen, welche die Herausforderungen der Zukunft meistern werden. Weil diese Herausforderungen heute global sind, braucht die Schweiz die allerbesten Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten. Diese sollten bereits in der Schule einen Teil jener Geschwindigkeit erfahren, die heute die Welt prägt. Zu den Fähigkeiten, die Schulen vermitteln müssen, gehört auch die Entscheidungsgeschwindigkeit. Bei zwei gleichwertigen Lösungen wird der Schnellere der Erfolgreichere sein. Es wird eine Aufgabe der Schulen sein, die sich selber kontrollierenden Studierenden zu entwickeln, d.h. eine Persönlichkeit, die reflektiert, sich mit ihren Fähigkeiten erkennt und zu steuern weiss. Wer für seine Studierenden eine solche Zielsetzung konsequent verfolgt, wird Menschen heranbilden, die keine Angst vor der Zukunft haben werden.

Lehrpläne kompetenzorientiert aufbauen

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich das Wissen der Welt alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt, wobei sich diese Rate noch beschleunigt. Das immer kürzere Intervall der Verdoppelung unseres Wissens sowie die immer besseren Möglichkeiten, Wissensdatenbanken abzufragen und dadurch unsere Kenntnisse zu ergänzen, werden dazu führen, dass wir uns vermehrt Basiswissen und Handlungskompetenzen aneignen werden. Spezialwissen müssen wir während der Erfüllung einer Aufgabe effizient ergänzen können. Diese Anforderungen beeinflussen unser Denken, Handeln und Lernen grundsätzlich.

Bereits heute wird dieser Umstand in vielen Lehrplänen berücksichtigt, indem diese kompetenzorientiert aufgebaut sind. Die Beherrschung einer Kompetenz ist jedoch wesentlich schwieriger zu überprüfen als Wissen. Da die herkömmlichen, summativen Prüfungen alleine nicht mehr sicher feststellen können, ob eine Kompetenz tatsächlich beherrscht wird, müssen diese erweitert werden. Deshalb wird beispielsweise bei der Einführung des kompetenzorientierten Lehrplans 21 auch nach einer Weiterentwicklung des Prüfungswesens gesucht. Hier dienen formative Lernkontrollen während des Lernprozesses als Hinweis, ob die Studierenden einen Schritt verstanden haben, und um sie allenfalls in ihrem Lernprozess zu unterstützen und zu führen. Andererseits führt der konsequente Einsatz von formativen Lernkontrollen zum erwünschten, sich selber kontrollierenden Studierenden.

Der konsequente Einsatz von formativen Lernkontrollen führt zum sich selber kontrollierenden Studierenden.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Problematik ist vielmehr: Wie ist es möglich, Lernkontrollen in einem so grossen Ausmass und in der genügenden Differenzierung bereit zu stellen, um den Unterricht ausreichend zu individualisieren? Durch Lernkontrollen festgestellte Lücken sollen ja individuell erkannt und angegangen werden. Dies ergibt Zusatzschlaufen, die wiederum Lernkontrollen, mit hoffentlich nicht einfach genau den gleichen Fragen, erfordern. Also wird ein System benötigt, das mit einer hohen Anzahl von Kontrollfragen Lernende in die richtige Richtung führt und Lehrenden Auskunft über den individuellen Lernstand der einzelnen Studierenden gibt.

KI verändert Unterricht und Rollen

Hier bieten moderne Learning Management Systeme (LMS) einen Lösungsansatz. Die fortschrittlichsten Systeme können zwischenzeitlich weit mehr als nur Dokumente und Arbeitsblätter zur Verfügung stellen, Foren und Chats zu bieten, kollaboratives Arbeiten und Multiple Choice Tests zu ermöglichen. Besonders bezüglich der elektronischen Tests wurden grosse Fortschritte erzielt. Moderne Lernplattformen bieten beispielsweise die Möglichkeit, ein E-Book mit Übungen und Lernkontrollen direkt zu kombinieren. Studierende wissen sofort, wo sie in Bezug auf ihre Leistungen stehen und wo sie noch zusätzlich investieren sollten. Das optimiert Lernfortschritte und überwindet räumliche Distanzen. Die Einbettung von elektronischen Leistungsnachweisen in die Lehre wird leider häufig vernachlässigt. Hochschullehrende, die E-Assessment in der Lehre einsetzen, sind immer noch die Minderheit.

Hochschullehrende, die E-Assessment in der Lehre einsetzen, sind immer noch die Minderheit.

Machine Learning wird in seiner Bedeutung auf dem Hintergrund der rasanten Entwicklungen bei der KI deutlich zunehmen. Selbstoptimierende Lehrmittel werden möglich, welche das Verständnis von Lernräumen revolutionieren. Sie erkennen die didaktischen Bedürfnisse und Lernschwierigkeiten der Studierenden immer besser.

Eine anspruchsvolle Schule darf sich dem digitalen Wandel nicht verweigern; er soll aber nicht zum Selbstzweck werden. Die Digitalisierung moderner Schulen soll systemorientiert sein, muss aber den Vorgaben der Pädagogen folgen. Lernen ist ein sozialer Prozess, der Interaktionen zwischen Menschen bedingt. Die Lehrperson wird als Lerncoach immer von grosser Bedeutung sein. Sie bleibt Motivator und enge Bezugsperson in der Lehr- und Lernbeziehung. Der Austausch im Klassenverbund ist ebenfalls ein wichtiger Motivationsfaktor beim Lernen. Ausserdem gibt es ganz verschiedene Lerntypen und die oder der Studierende weiss selber oftmals gar nicht, zu welchem Typ er bzw. sie gehört.

Eine der grössten Herausforderungen als Schule ist, angesichts der sich rasch ändernden technischen Möglichkeiten am Ball zu bleiben. Setzt man auf die falsche Technik oder entwickelt diese nicht weiter, riskiert man hohe Kosten. Die zweite grosse Herausforderung wird sein, dass auch die Lehrpersonen mit der Digitalisierung Schritt halten. Das Berufsbild der Lehrperson ist in radikalem Wandel.

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