Rino Borini, Ask the Expert

Aktuell15. Dezember 2020

Was ist eine digitale Säule 3a?

Kurz vor Jahresende werden Schweizerinnen und Schweizer daran erinnert, falls möglich, noch in die Säule 3a einzuzahlen. Rino Borini, Studiengangsleiter CAS Digital Finance und CAS Digital Insurance, geht in der Rubrik «Ask the Expert» der privaten Vorsorge auf den Grund, erläutert die Vorteile und sagt, worauf man beim digitalen Anlegen achten soll.

Die HWZ lebt zu einem grossen Teil vom Wissen ihrer Expertinnen und Experten aus der Praxis. In unserer Rubrik «Ask the Expert» stellen wir unseren HWZ-Expertinnen und -Experten Fragen aus Themenbereichen, die an der HWZ im Unterricht behandelt werden. Dabei handelt es sich um Fragen, die immer wieder auftauchen und aktuelle Fachbegriffe, die Erklärungsbedarf haben. In einem ausführlichen Blogbeitrag gehen Studiengangsleitende oder Dozierende den Fragen auf den Grund.

Stell dir vor, dass du bei deiner Pensionierung CHF 200’000 Gewinn hast, wenn dein Geld für dich arbeitet statt auf dem Konto zu «chillen». Das ist möglich, wenn man seine private Vorsorge richtig umsetzt. Es liegt letztlich in der eigenen Verantwortung, sich darum zu kümmern. Wer sonst sollte dies tun?

Das Drei-Säulen-Prinzip der Schweiz

Das Schweizer Vorsorgesystem gehört zwar weltweit zu den verlässlichsten der Welt – ja das ist so – doch in Wirklichkeit ist es eben nicht mehr so «solide». Denn die erste Säule (AHV) wie auch die zweite Säule (Pensionskasse) stehen in Schieflage. Die Gründe sind vielzählig, vor allem die steigende Lebenserwartung sowie das Null-Zinsumfeld machen es dem Vorsorgesystem schwierig.

Damit wir auch im Alter unseren gewohnten Lebensstil fortsetzen können, müssen wir uns schon in jüngeren Jahren mit der privaten Vorsorge auseinandersetzen. Hier kommt die Säule 3a ins Spiel. Jährlich können Angestellte bis zu einem Maximalbetrag von CHF 6’826 (für 2020) und CHF 6’883 (für 2021) auf ein Säule 3a Konto einzahlen. Die Beitragshöhe ist flexibel und kann jährlich individuell bestimmt werden. Die Einzahlungen müssen nicht zwingend jedes Jahr erfolgen und eine Pausierung ist bei Banklösungen (nicht aber bei Versicherungslösungen) möglich. Ein Vorteil ist, dass man den einbezahlten Betrag in der Steuererklärung abziehen kann, daher macht eine jährliche Einzahlung durchaus Sinn. Wichtig zu wissen: Das investierte Geld ist bis zur Pension gesperrt. Ausnahmen gelten beispielsweise beim Erwerb von Eigenheim oder wenn man sich selbständig macht. 

Trotz der dringenden Notwendigkeit der privaten Vorsorge investieren gemäss Umfragen erst rund die Hälfte der Bevölkerung in eine Säule 3a Lösung. Und von rund 50% investieren schätzungsweise ein Viertel in weiterbringende Wertpapiere. Bei der grossen Mehrheit liegt das Kapital regelrecht «brach» auf einem Konto. Denn auch das Säule 3a Konto überzeugt derzeit mit Magerzinsen. 

Wertpapierlösungen für langfristigen Erfolg

Deswegen sind Lösungen, die in Wertpapiere investieren, erfolgversprechend. Dazu muss man wissen, dass die historischen Aktienrenditen zwischen 6 bis 8 Prozent pro Jahr betragen, trotz verschiedenster Aktien-Crashs. Säule 3a Kund*innen können wählen, wie hoch das Risiko sein soll. Der Risikoappetit des Säule 3a Kund*innen wird durch den jeweiligen Anbieter evaluiert. Ein Praktiker-Tipp: Für Vorsorgenehmer, die einen langfristigen Anlagehorizont haben (mehr als zehn Jahre), lohnt sich ein höheres Risiko, also möglichst viele Aktien. Der Investor profitiert von steigenden Kursen und von den jährlichen Dividenden, welche die Unternehmen zahlen.

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Und jetzt kommt die Magie ins Spiel – der sogenannte Zinseszins-Effekt. Diesen Effekt bezeichnete übrigens Albert Einstein als das achte Weltwunder. Was steckt dahinter: Wer auf lange Frist sein Vermögen in ertragreiche Wertpapiere investiert und dabei auf eine kosteneffiziente digitale Lösung setzt, wird bei Pensionierung bedeutend mehr Vermögen aufweisen als jemand, der sein Vorsorgegeld auf dem Konto belässt. Warum? Auf das investierte Vorsorgegeld werden jährlich Zinsen und Dividenden ausbezahlt. Je höher die Erträge und niedriger die Gebühren, desto mehr hat man bei Erreichung des Pensionsalters. Denn die Erträge werden automatisch reinvestiert und somit wächst das Vermögen. Und auf dem höheren Vermögen werden wieder Wertpapiererträge ausbezahlt und das Jahr für Jahr. Das Vorsorgekapital wächst damit über die Zeit exponentiell an. Nehmen wir ein Beispiel: Lisa ist 30 Jahre alt und möchte ab jetzt jährlich 5’000 Franken einzahlen. Da sie noch 34 Jahre bis zur Pensionierung hat, wählt sie 100% Aktien. Denn letztlich gehören Aktien seit Jahrzehnten zu den Gewinnern. Sie kommt dann auf ein Vorsorgevermögen von rund CHF 400’000. Würde sie eine Kontolösung wählen, die derzeit kaum rentiert, würde sie mit 64 Jahren nur rund CHF 190’000 haben. Ihr Gewinn mit einer Wertpapierlösung ist demnach fast CHF 210’000. 

User Experience und Pricing – Fintechs geben den Ton an

Säule 3a Produkte werden von Banken und Versicherungen angeboten und seit einigen Jahren auch von digitalen Finanzdienstleistern. Die Fintechs haben grosse Vorteile bei der Benutzerfreundlichkeit und Einfachheit der Handhabung (via Smartphone). Da diese rein digital sind, ist deren Lösung bedeutend günstiger. Im 2017 startete Viac die allererste digitale Säule 3a. Mit Erfolg: Gemäss eigenen Angaben konnte das Team über 32’000 Kund*innen gewinnen. Nach Viac kam im November 2019 Descartes Vorsorge und Selma. 2020 sind weitere Vorsorge-Fintechs auf den Markt gekommen. Aber auch die etablierte Industrie ist auf den digitalen Zug aufgesprungen. So hat beispielsweise Generali oder die ZKB eine rein digitale Säule 3a Lösung im Angebot. Wir dürfen davon ausgehen, dass weitere Banken und Versicherungen folgen werden. Die Frage ist, wie sie das Produktangebot ausgestalten, denn sie kannibalisieren damit ihre bestehenden Lösungen, die je nach Angebot bedeutend teurer sind. Die Fintechs haben nicht nur die User Experience vorgegeben, sondern auch das Pricing.

Was haben alle diese Player gemeinsam? Sie setzen auf Technologie und können dadurch einerseits viel effizienter Interessenten «onboarden», andererseits die ganze Verwaltung umsetzen. Die Kosten bei diesen digitalen Anbieter liegen oftmals bedeutend tiefer als bei herkömmlichen Angeboten. Das ist Digitalisierung at it’s best! 

Oft wird gefragt, ist denn das Vermögen bei diesen Fintechs sicher? Die Antwort lautet: Ja. Diese sind reguliert und das Vermögen liegt bei einer Stiftung. Sollte also ein Fintech Pleite gehen, ist das Vermögen in der Stiftung gesichert. 

Digital oder eben nicht: Vor- und Nachteile Säule 3a

Egal ob eine herkömmliche Säule 3a oder eine digitale Säule 3a, die private Vorsorgelösungen bietet fast nur Vorteile. Wie eingangs erwähnt, verdient man beim aktuellen Zinsniveau mit einer reinen Kontolösung kein Geld und profitiert lediglich vom Steuervorteil. Und hier trumpfen die digitalen Anbieter auf: Sie sind bedeutend günstiger als die meisten Banken und Versicherungen. Und Kosten nagen letztlich an der Rendite. Zudem ist die Verwaltung der Wertpapiere professionell, wie man es auch von seiner Bank erwarten kann. 

Nachteile gibt es eigentlich keine, ausser wenn man zu spät auf den Vorsorgedampfer aufspringt. Natürlich muss jeder Vorsorgesparer seine Budgetplanung im Griff haben. Sollte beispielsweise plötzlich eine teure Zahnbehandlung anstehen, man hat aber keine Liquidität, dann kann man nicht auf die Vorsorgegelder zugreifen. Deswegen ist es wichtig, dass man darauf achtet, eine seriöse Liquiditätsplanung zu machen und das Kapital, das nicht benötigt wird, in eine private Vorsorgelösung einzuzahlen. 

Der Nachteil bei digitalen Anbietern ist die fehlende physische Beratung, insbesondere wenn die Kund*innen eine ganzheitliche Vermögensbetrachtung sucht. Die digitalen Anbieter haben einen technischen Support, jedoch keine umfassende Beratung. 

Welche digitale Lösung passt zu mir?

Es lohnt sich für die Auswahl ein wenig Zeit zu investieren, denn es ist letztlich dein Vorsorgevermögen. Hier die Tipps:

  1. Wer steht hinter dem digitalen Anbieter? Ein erfahrenes Team aus Spezialisten? 
  2. Wie hoch sind die Kosten, denn Kosten fressen am Vermögen. Vergewissere Dich, dass in der angegeben Gebühr wirklich alle Kosten enthalten sind, wie beispielsweise Absicherungskosten bei Fremdwährungspositionen, Transaktionsgebühren oder sonstige Kommissionen. 
  3. Bei welcher Bank und Stiftung wird das Konto und Vermögen verwaltet? Vertraue ich diesem Anbieter?
  4. Gibt es eine Hotline mit Spezialisten, auf die ich zugreifen kann bei Fragen? 
  5. Redet mit eurem Netzwerk, fragt Freunde und Kolleginnen & Kollegen, wie sie das handhaben.

The game is on! Die digitalen Säule 3a Player werden weiterhin stark wachsen. Der Markt ist gross genug. Wichtig scheint mir, dass überteuerte Lösungen vom Markt verschwinden müssen, denn sie lösen kein Problem, spätestens seitdem es auch kostengünstige und hochprofessionelle Lösungen gibt. Eine Säule 3a Wertpapierlösung, die 100% in nachhaltigen Aktien investiert und über einem Prozent kosten, sind nicht mehr marktfähig. Doch auch die Kund*innen müssen Verantwortung übernehmen und ihre Vorsorgelösungen durchleuchten und bei unzufriedenen Lösungen den Anbieter wechseln. 

The Expert: Rino Borini

Rino Borini ist Dozent und Studiengangsleiter im CAS Digital Finance und CAS Digital Insurance. Zudem ist er Co-Gründer und CEO der Scarossa, ein unabhängiges Beratungs- und Medienhaus in Zürich. Das Unternehmen setzt ihren Fokus auf digitale Transformation der Finanzindustrie und «Next Generation Finance». Bereits 2012 erkannte Borini, dass die Digitalisierung die Finanzwelt umkrempeln wird und die Finance 2.0 Plattform initiiert. Inzwischen trifft sich auf diesen Eventreihen das Who-is-Who der Fintech-, Insurtech- und Krypto-Branche. Borini gehört zu den führenden Schweizer Experten auf dem Gebiet von Digital Finance und Krypto Banking. Im Herbst 2020 hat das Wirtschaftsmagazin BILANZ Borini zu den Digital Shapers 2020 erkürt, also die 100 wichtigsten Köpfe, die die Digitalisierung im Land vorantreiben. Rino Borini ist zudem Verwaltungsratspräsident beim Digitalen Vermögensverwalter Descartes Finance und Descartes Vorsorge. Sein breites und tiefes Wissen über die Finanzmärkte und -produkte eignete sich der Certified International Investment Analyst (CIIA) während mehrerer Jahre in verschiedenen Gross- und Kantonalbanken an.

Burcu Angst HWZ

Burcu Angst

Project Manager Corporate Communications

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