Cornelia Diethelm Digitale Ethik

Im Fokus18. Dezember 2018

Weiterhin innovationskräftig dank digitaler Ethik

Cornelia Diethelm ist überzeugt, dass digitale Ethik ganz oben auf die Agenda muss: «Wenn wir die ethischen Aspekte der Digitalisierung nicht aktiv angehen, drohen innovationsfeindliche Regulierungen.» Was sie unter digitaler Ethik versteht, wieso sie das Thema jetzt gross lanciert und ihm sogar eine Konferenz widmet, verrät sie uns im Interview.

Was ist unter Ethik im Digital Business zu verstehen?

Die Digitalisierung ermöglicht zum Beispiel individualisierte Preise, gezielte Werbung dank emotionalem Targeting, den Einsatz von Robotern und den Kundendialog mittels Stimm- und Gesichtserkennung. Wo gibt es Konflikte mit unseren etablierten Werten? Wo schätzen wir solche Möglichkeiten? Wo haben wir Vorbehalte oder lehnen sie sogar ab? Darum geht es grob gesagt bei ethischen Fragen im Digital Business.

Warum darf man das Thema Ethik nicht ausser Acht lassen?

Wenn wir die ethischen Aspekte der Digitalisierung nicht aktiv angehen, dann drohen innovationsfeindliche Regulierungen. Sinnvoller ist es, wenn sich Unternehmen freiwillig und frühzeitig verantwortungsvoll verhalten, basierend auf den Erwartungen ihrer Kundschaft und unseren Bedenken als Gesellschaft. Dazu gehören beispielsweise der Schutz der Privatsphäre, die informationelle Selbstbestimmung und die Nichtdiskriminierung.

Warum brennst du für dieses Thema bzw. wie kam es dazu, dass du dich auf dieses Thema spezialisiert hast?

Während dem MAS Digital Business an der HWZ haben mich disruptive Technologien wie Künstliche Intelligenz sowie die Interaktion Mensch-Maschine fasziniert. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die Unternehmen vor allem für die technologische Machbarkeit interessieren. Was fehlt, ist die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Kundschaft und der Mitarbeitenden sowie mit offenen Fragen, die wir uns als Gesellschaft stellen. Was wollen wir, was nicht?

Nicht alles, was technologisch möglich ist, wird von der Kundschaft akzeptiert und als fair angesehen. Ein Beispiel ist Dynamic Pricing. Woran liegt das? Müssen Unternehmen darauf verzichten oder gibt es hier gangbare Alternativen?

Ein vielschichtiges Thema, das ich 2019 vertiefen möchte. Grob lässt sich sagen, dass dynamische Preise nicht per se ein Problem sind. Wenn es dafür einen nachvollziehbaren Grund gibt, werden sie durchaus akzeptiert. Probleme gibt es zum Beispiel da, wo auf Kosten der Kundinnen und Kunden einzig der Gewinn des Unternehmens maximiert wird. Neuartige Preismodelle sind ein äusserst spannendes Thema und eng mit unserem Verständnis von Fairness verbunden.

Was identifizierst du als grösste Herausforderung im Bereich Ethik im digitalen Business?

In einer digitalisierten Welt sind massgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen möglich, was natürlich viele Vorteile mit sich bringt. Es macht uns aber auch zu «gläsernen» Menschen. Wir verlieren ein gewichtiges Stück Privatheit und damit auch die Kontrolle über unsere eigene Identität. Deshalb sind Investitionen in die Bildung so wichtig! Wir müssen das kritische Denken und unsere Digitalkompetenzen unbedingt stärken.

Du hast das Centre for Digital Responsibilty gegründet. Was hast du damit vor?

Dieser neue Think Tank analysiert die ethischen und gesellschaftlichen Aspekte der Digitalisierung und macht dieses Wissen über verschiedene Produkte und Dienstleistungen zugänglich. Dabei reicht das Spektrum von einem monatlichen Trendradar und unabhängigen Studien über Konferenzen und Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu Beratungsmandaten.

Ein erstes Produkt des CDR ist die «Shift 2019», eine Konferenz zu Kundenerwartungen und Akzeptanzfragen bei datenbasierten Geschäftsmodellen. Kannst du uns mehr dazu erzählen?

Mit dieser Konferenz möchte ich den Trend «Digital Ethics» für Unternehmen erlebbar machen. Die Vielfalt an Keynotes, Talks und Breakout-Sessions an der Shift 2019 sollen nicht nur inspirieren, sondern die Teilnehmenden auch motivieren, mit der Umsetzung im eigenen Unternehmen zu beginnen. Dieser Transfer in die Praxis sowie das Networking vor Ort sind mir wichtig.

Warum braucht es diese Konferenz?

Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass es bereits wertvolle Erkenntnisse aus der Praxis und der Wissenschaft gibt bezüglich Kundenakzeptanz, Vertrauen und unerwünschten Folgen beim Einsatz disruptiver Technologien. Diese Lücke schliesst die Shift 2019. Sie will dazu beitragen, dass Unternehmen frühzeitig Verantwortung übernehmen, indem sie bestehendes Wissen anwenden und neue Praxiserfahrungen mit anderen teilen. Übrigens hat das renommierte Institut Gartner «Digital Ethics» als Trend von strategischer Bedeutung für 2019 identifiziert. Der Zeitpunkt der Konferenz anfangs Jahr ist also optimal.

Ausblick: Was erwartest du dir vom Diskurs – in welche Richtung wird sich der Megatrend Digitale Ethik entwickeln? Wen sollte man in einen solchen Diskurs involvieren?

Als Gründerin des Centre for Digital Responsibility (CDR) möchte ich auch dazu beitragen, dass Unternehmen stärker mit Organisationen wie der HWZ zusammenarbeiten. So hätten wir mehr und vor allem fundiertere Erfahrungen, die in den Meinungsbildungsprozess in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik einfliessen können. Wünschenswert wären auch Ethik-Verantwortliche in den einzelnen Unternehmen, weil sie sich neben dem Business Case vermehrt mit dem Ethik Case befassen müssen – als Bestandteil einer erfolgreichen Kundenorientierung und um unerwünschte Regulierungen zu verhindern.

Ein weiterer Schritt dazu ist auch, das HWZ-Seminar «Digital Ethics – Erfolgreiche Kundenorientierung bei neuen Geschäftsmodellen» unter deiner Leitung. Was können Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwarten?

Wir zeigen anhand konkreter Beispiele aus Europa, Amerika und Asien, weshalb Vertrauen und Akzeptanz zentrale Erfolgsfaktoren sind und worauf Unternehmen achten müssen, wenn sie disruptive Technologien wie Big Data und Künstliche Intelligenz einsetzen. Darüber hinaus erhalten die Teilnehmenden Einblick in Strategien, Guidelines sowie praxisbezogene Werkzeuge für Unternehmen.

Herzlichen Dank für die Einsichten und viel Erfolg mit der Shift 2019! Als Bildungspartner der Konferenz werden wir selbstverständlich noch weiter darüber berichten.

Zur Person: Cornelia Diethelm

Cornelia Diethelm hat die Berufslehre KV mit Berufsmaturität bei der Genossenschaft Migros Aargau/Solothurn (heute Migros Aare) in Suhr absolviert. Nach der Lehre hat sie die Matura nachgeholt und an der Universität Bern Politik-, Betriebs- und Volkswirtschaft studiert. Während ihres Studiums, dass sie erfolgreich abschloss, war sie stets berufstätig in der Kommunikationsbranche, um sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Nach Studienabschluss war sie Stv. Generalsekretärin der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion Kanton Bern mit rund 800 Mitarbeitenden. 2007 zieht es sie zurück zur Migros: Sie wird Leiterin Issue Management im Migros-Genossenschafts-Bund und baut 2010 die Direktion Nachhaltigkeit & Issue Management für die Migros-Gruppe auf, die sie bis Juli 2018 leitete. Weiterbildungen kamen auch nicht zu kurz: So hat sie noch einen MAS in Corporate Communication Management an der FHNW absolviert und von 2016-2018 den MAS Digital Business mit Bestnote abgeschlossen. In dieser Mastarbeit befasste sie sich mit digitalen Disruptionen. Die vertiefte Auseinandersetzung mit kommerziellen, technologischen und gesellschaftlichen Aspekten der Digitalisierung war für sie so aufschlussreich und relevant, dass sie anfangs August 2018 ihr eigenes Unternehmen, die Shifting Society AG, gegründet hat.

Aline Theiler

Leiterin Kommunikation a. i.

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