Disrupt Yourself

Aktuell19. März 2020

Zeit für Veränderung

Wie reagieren, wenn das eigene Unternehmen schliessen muss? Augen zu und abwarten, Produkte online anbieten oder sich komplett neu erfinden? Wir haben mit Patrick Comboeuf, Studiengangsleiter CAS Fintech & Blockchain Economy HWZ darüber gesprochen, wie Unternehmen kurzfristig handeln müssen und wie langfristig ein Nährboden für Unternehmertum und Kreativität geschaffen werden kann.

Patrick, was rätst du Unternehmen, welche unmittelbar von der Krise betroffen sind, also beispielsweise schliessen müssen?

Bei Gefahr greifen stets drei menschliche Urinstinkte: Angreifen, Flucht, Totstellen. In der aktuellen Krise helfen diese Verhaltensmuster nur bedingt.

In einer Ausnahmesituation wie jetzt, gilt zuerst oft der Feuerlösch-Modus, also wie kann ich den grössten Schaden für meine Mitarbeiter, meine Kunden und mich mit raschem entschlossenem Handeln vermeiden. Auch wenn es zynisch anmutet, wenn wir uns mit unseren Ressourcen auf diese elementaren Dinge konzentrieren, fallen automatisch auch Tätigkeiten weg, welche kaum Mehrwert stiften. Das ist gut so. Noch besser ist es, wenn man sich in einer späteren Retrospektive Zeit nimmt, diese durch den Raster gefallenen Jobs genauer zu betrachten und gegebenenfalls bewusst komplett zu streichen.

Parallel dazu muss jedes Unternehmen die Kommunikationskanäle so organisieren, dass alle relevanten Anspruchsgruppen stets wissen, was Sache ist bzw. was als nächstes folgt. Jetzt ist nicht der Moment für weichgespültes PR-Geschwurbel. Eine klare, persönliche Kommunikation durch die Geschäftsführerin oder den Geschäftsführer schafft Zuversicht und hilft mitunter korrosive Energien in mutiges Handeln zu lenken.

Legen Sie die Fakten dar, zeigen Sie aufrichtige Anteilnahme für die Situation von Betroffenen und orientieren Sie transparent über die nächsten Schritte.

Denken Sie ruhig über den Horizont der eigenen Organisation hinaus. Reichen Sie ihren Mitbewerbern, den Kundinnen und Kunden, Banken, Branchenverbänden die Hand und offerieren Unterstützung. Fordern Sie aber im Gegenzug auch konkret Hilfe an, wenn dies angezeigt erscheint, zum Beispiel bei verlängerten Zahlungsfristen bei Lieferanten, Kreditlinien bei Banken oder den Steuerbehörden. Je aktiver Sie kommunizieren, was in der aktuellen Situation hilft, Ihr Business (und damit Existenzen) kurzfristig zu sichern, desto grösser die Unterstützung.

Man liest zur Zeit oft, man solle Dienstleistungen einfach online anbieten. Reicht das, um zu überleben?

Für eine Organisation, welche sich dem digitalen Wandel bisher entzogen hat, ist vielleicht jetzt der letztmögliche Zeitpunkt gekommen, die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Die eigenen Leistungen nun, da der stationäre Kanal behördlich geschlossen wurde, kurzfristig auch online anzubieten, ist zwar anspruchsvoll, aber sicher nicht unmöglich. Zumal gerade jetzt durchaus mit Goodwill von Kunden und Partnern zu rechnen ist, sollte die Umstellung nicht sofort reibungslos funktionieren. Ob dies zum überleben reicht, bezweifle ich. Produktives Homeoffice, Agilität durch dezentrale Organisation, geschmeidig funktionierende externe Logistikketten, Synergien durch die Interaktion in Ecosystemen und echte Co-Creation mit Kunden sind meist das Produkt einer bewussten strategischen Entscheidung. Die nun in der Krise gemachten Erfahrungen können aber sehr wohl dazu beitragen, dass die gut hörbare Fraktion von Bedenkenträgern, Status-Quo Bewahrern und ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘-Managern, welche dem Wandel in vielen Unternehmen bisher aktiv oder passiv im Weg standen, nun etwas leiser wird.

Es gibt Unternehmen, die müssen sich komplett neu erfinden. Hast du hier Ratschläge, wie diese Unternehmen vorgehen sollen?

Bad decisions make good stories – Unternehmen, welche sich im wahrsten Sinne des Wortes komplett neu erfinden müssen, sollten genau bei den Umständen beginnen, welche sie erst in diese Lage gebracht haben. Daraus lässt sich unabhängig vom ’neuen‘ Produkt, der ’neuen‘ Dienstleistung oder dem ’neuen‘ Geschäftsmodell eine tolle Geschichte weben. Wenn diese zur Markenidentität passt umso besser. Um bei den Stammkunden aber auch bei der anvisierten zukünftigen Zielgruppe Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu stiften, sollte das Bewährte nicht komplett über Bord geworfen werden, zumindest kommunikativ.

Würdest du Unternehmen überhaupt raten, sich auf etwas Neues einzulassen oder soll die Krise einfach abgewartet werden?

‚Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 25 Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.‘ sagt ein orientalisches Sprichwort. Ich persönlich bin überzeugt, dass die ‚gute alte‘ Zeit auch nach der Krise nicht zurückkommt. Im Gegenteil: Die nicht zuletzt durch den digitalen Wandel ausgelöste Disruption in vielen Branchen wird in der Post-Corona Ära noch massiv an Dynamik zulegen.

Für welche Branchen siehst du hier auch Chancen, wenn sie ihr Geschäftsmodell erweitern/erneuern?

Es gibt praktisch keine Branche, welche nicht von der durch die Pandemie hervorgerufene Wirtschaftskrise betroffen ist.
Für die gesamte Volkswirtschaft wären gerade jetzt effiziente Behörden, welche auch unorthodoxe Massnahmen smart, fair und zielgerichtet umsetzen, sehr wichtig. Wenn es in dieser Krise gelingt, Unternehmen und Arbeitnehmern rasch und unbürokratisch zu helfen, ihre Existenz kurzfristig zu sichern, wird so ein Nährboden geschaffen, welcher langfristig persönliche Kreativität und Unternehmertum in der ganzen Bevölkerung fördert.

Lea Bischoff Kommunikation HWZ

Lea Bischoff

Project Manager Corporate Communications

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