13. März 2026 · Campus

«Innovation beginnt nicht mit Software, sondern mit Menschen»

Die Schweizer Bauwirtschaft verfügt über grosses Innovationspotenzial, nutzt es aber noch zu wenig. Für Professor Adrian Wildenauer, Leiter Center Digital Building & Real Estate an der HWZ, geht es weniger um Tools als Prozesse, Unternehmenskultur und vor allem die Mitarbeitenden. Darin sieht er für kleine Betriebe grosse Chancen.

Dieses Interview ist als Erstpublikation beim Schweizerischen Baumeisterverband SBV im März 2026 erschienen.


In der Bauwirtschaft wird Innovation häufig mit Digitalisierung und neuen Technologien gleichgesetzt. Warum greift diese Sicht zu kurz?

Weil Innovation kein Tool ist. Ein Tool ist immer nur das Ergebnis oder ein Hilfsmittel, das heisst, es kann Innovation unterstützen, aber es ersetzt sie nicht. Der eigentliche Hebel liegt bei den Prozessen, der Organisation und der Art, wie ein Unternehmen arbeitet. Viele haben in den letzten Jahren viel Geld in Software investiert, ohne dass sich die erwünschten Effekte eingestellt haben. Das passiert halt nicht, wenn die Grundlagen nicht stimmen. Wenn Prozesse unklar sind, Daten mehrfach oder falsch erfasst werden oder Mitarbeitende nicht geschult sind, dann digitalisiert man am Ende nur bestehende Probleme.

Was wäre der richtige Ansatz?

Zuerst die Prozesse verstehen und hinterfragen, erst dann über Technologien sprechen. Warum wird eine Information mehrfach erfasst? Warum läuft ein Dokument durch fünf Hände? Warum braucht ein Entscheid so lange? Wenn man sich solche Fragen ehrlich stellt, findet man oft einfache Lösungen. Meine Forschung zeigt, dass es erst dann Sinn macht, über digitale Unterstützung nachzudenken, wenn klar ist, wie der Prozess optimal laufen soll. In vielen Fällen reichen kleine Lösungen, manchmal sogar ein Excel-Makro. Innovation muss nicht Hightech sein, sondern wirksam im Alltag. Digitalisierung sollte immer das Ziel haben, Abläufe zu vereinfachen, Fehlerquellen zu reduzieren und Informationen durchgängig verfügbar zu machen. Die Technologie ist Mittel zum Zweck, nicht der Ausgangspunkt.

Sind grosse Digitalisierungsschritte also weniger wichtig als viele kleine Verbesserungen?

Innovation entsteht selten durch den einen grossen Wurf. In der Praxis sind es viele kleine, messbare Verbesserungen, die zusammen einen grossen Effekt haben. Eine automatisierte Auswertung, ein digitaler Lieferschein oder ein vereinfachter Ablauf kann im Alltag mehr bewirken als eine grosse Systemeinführung. Wichtig sind schnelle, messbare Erfolgserlebnisse. Die «grosse Innovation» entsteht meist aus vielen kleinen Verbesserungen.

Immer wieder sprechen Sie von den Mitarbeitenden …

Weil sie zentral sind, denn Innovation entsteht dort, wo täglich gearbeitet wird: auf der Baustelle, im Büro, in der Planung. Die Mitarbeitenden kennen die Probleme am besten. Sie wissen genau, wo Zeit verloren geht, wo Schnittstellen nicht funktionieren oder wo Fehler entstehen. Wenn man ihnen also Zeit und Raum gibt, Prozesse zu hinterfragen, entstehen oft sehr pragmatische und umsetzbare Lösungen. Interessanterweise haben viele dieser Ideen zunächst gar nichts mit IT zu tun, sondern mit Organisation, Abstimmung oder Verantwortlichkeiten. Diese zu ändern, kostet keine Welt.

Was bedeutet das für die Führung in den Unternehmen?

Ich meine, Firmenchefs müssen Innovation ermöglichen. Es geht weniger darum, selbst der innovativste Kopf zu sein, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende ihre Ideen einbringen können. Ein moderierter Workshop oder ein regelmässiger Verbesserungsprozess kann sehr viel bewegen. Erst wenn klar ist, was man verbessern will, stellt sich die Frage nach dem passenden Tool. Wichtig ist auch, dass Vorschläge ernst genommen und schnell umgesetzt werden. Nichts bremst Innovationsbereitschaft stärker als Ideen, die in der Schublade verschwinden.

In vielen Betrieben treffen heute unterschiedliche Generationen und Kompetenzprofile aufeinander. Wie kann man das nutzen?

Das ist eine grosse Chance. Junge Fachkräfte bringen digitale Kompetenzen und neue Denkweisen mit. Erfahrene Mitarbeitende verfügen über enormes Praxiswissen und kennen die Abläufe auf der Baustelle. Beide Perspektiven sind gleich wichtig. Innovation entsteht, wenn beide miteinander sprechen, und zwar genau an dieser Schnittstelle, nicht auf einer der beiden Seiten allein. Viele meiner Fallbeispiele zeigen, dass wirklich funktionierende Lösungen entstehen, wenn wir die Kompetenzen besser verbinden.

Gleichzeitig hört man oft, dass sich diese Gruppen schwer verständigen.

Genau deshalb muss man bewusst Brücken bauen. Junge Mitarbeitende sollten früh die Baustellenrealität kennenlernen. Umgekehrt müssen erfahrene Fachkräfte die Möglichkeit bekommen, sich mit digitalen Themen vertraut zu machen. Entscheidend ist, dass beide Seiten auf Augenhöhe arbeiten und voneinander lernen. Innovation ist kein Generationenthema, sondern ein Teamthema.

Gerade kleine Unternehmen sehen Innovation oft als zusätzliche Belastung. Ist das berechtigt?

Nicht unbedingt, denn kleine Unternehmen haben einen gewichtigen Vorteil: Sie sind agiler. Entscheidungswege sind kurz, Veränderungen können schnell umgesetzt werden. Wenn ein Betrieb mit fünf oder zehn Mitarbeitenden beschliesst, einen Prozess zu ändern, dann passiert das oft innerhalb von Tagen oder Wochen. In meiner Erfahrung sind grosse Organisationen meist schwerfälliger. Hier kann eine Veränderung manchmal Jahre dauern.

Wo liegen die grössten Chancen für kleine Unternehmen?

Kleine Betriebe sollten sich fokussieren. Sie müssen nicht alles machen und nicht jedem Trend folgen. Natürlich fehlt kleinen Betrieben oft die Zeit oder die Ressourcen für grosse Projekte. Aber genau deshalb sollten sie pragmatisch vorgehen: kleine Schritte, konkrete Verbesserungen, direkte Wirkung. Wer versucht, gleich das grosse Digitalisierungsprogramm umzusetzen, überfordert sich schnell. Viele erfolgreiche Beispiele zeigen, dass Innovation nicht von der Unternehmensgrösse abhängt, sondern von der Konsequenz in der Umsetzung.

Was sollten kleine Betriebe dabei vermeiden?

Innovation muss zum Betrieb passen und den Alltag erleichtern. Der grösste Fehler ist, Innovation mit grossen Projekten zu verwechseln. Wer versucht, ein umfassendes Transformationsprogramm aufzusetzen, überfordert sich schnell. Erfolgreicher ist ein schrittweises Vorgehen: ein Problem identifizieren, eine Lösung testen, den Nutzen sichtbar machen, und dann den nächsten Schritt gehen.

Wie gross ist der Druck zur Veränderung in der Baubranche?

Der Druck ist hoch und wird weiter steigen, aber in allen Branchen, nicht nur auf dem Bau. Viele erfahrene Fachkräfte gehen in den nächsten Jahren in Pension, gleichzeitig nimmt die Zahl der Nachwuchskräfte stetig ab. Das Bauvolumen bleibt jedoch hoch. Ohne Produktivitätssteigerungen durch bessere Prozesse, mehr Automatisierung und digitale Unterstützung wird es für die Baubranche zunehmend unmöglich, diese Lücke zu schliessen.

Welche Rolle spielt dabei die Attraktivität der Baubranche?

Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, muss moderne Arbeitsbedingungen bieten. Dazu gehören effiziente Abläufe, klare Strukturen und Werkzeuge, die wirklich unterstützen. Wer seine Mitarbeitenden einbezieht, ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet und ihre Ideen ernst nimmt, erhöht die Bindung ans Unternehmen. Der Einbezug der Mitarbeitenden ist ein wichtiger Faktor für Motivation und Bindung, nicht nur der Lohn.

Sie sprechen vom Potenzial, das bereits vorhanden ist. Was meinen Sie damit?

Die Bauwirtschaft hat sehr gut ausgebildete Fachkräfte, viel Erfahrung und auch die technologischen Möglichkeiten. Was oft fehlt, ist die konsequente Umsetzung. Wir diskutieren viel über neue Standards, neue Tools oder neue Konzepte, und schaffen eigentlich nur Blasen. Aber am Ende entscheidet der Alltag: Werden Prozesse wirklich verändert? Werden Mitarbeitende einbezogen? Werden Entscheidungen umgesetzt?

Braucht es also weniger neue Konzepte und mehr Umsetzung?

Die Branche braucht weniger Diskussionen über das Nächste und mehr Fokus auf das Machbare. Viele Lösungen sind längst bekannt. Jetzt geht es darum, sie im Betrieb anzuwenden und Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Erfolgreich sind jene Betriebe, die klein anfangen, Erfolge sichtbar machen und daraus lernen. Innovation muss zum Betrieb passen und nicht umgekehrt.

Ihr Fazit für die Bauwirtschaft?

Mein Rat an jede Branche ist simpel: Innovation beginnt nicht mit Software, sondern mit Menschen und Prozessen. Wer die Ideen der Mitarbeitenden nutzt, Abläufe konsequent verbessert und pragmatisch vorgeht, braucht keine spektakulären Lösungen. Entscheidend ist, ins Handeln zu kommen.

Unsere Weiterbildungen im Bereich Real Estate Management

Real Estate Management an der HWZ umfasst praxisnahe Weiterbildungen zu Immobilienmanagement, Bewertung, Bewirtschaftung und strategischer Entwicklung von Immobilien. Die Angebote richten sich an Berufstätige, die Immobilien professionell steuern und fundierte Investitions- und Managemententscheide treffen möchten. Die HWZ verbindet wissenschaftlich fundierte Inhalte mit aktuellen Anforderungen aus der Praxis. Je nach Zielsetzung stehen vertiefende CAS, MAS oder kompakte Seminare zur Auswahl.