2. Juni 2026 · Testimonial

Pause kann auch Führung sein

Karrieren verlaufen selten geradlinig. Manchmal sind es die Momente des Innehaltens, die den nächsten Schritt weitertreiben. Nach Jahren in Führungsrollen, einem Executive MBA in Digital Leadership, einem TEDx Talk und dem bewussten Entscheid für eine berufliche Auszeit stand Robert den Otter vor einer Frage, die viele kennen: Wie geht es weiter? Im Interview spricht Rob darüber, warum Reflexion und eine Pause eine unterschätzte Leadership-Kompetenz ist.

Nach 25 Jahren zwischen Marken, Redaktionen, Beratungen und Healthtech entschied sich Robert den Otter bewusst dazu, mal Pause zu machen und innezuhalten. Parallel zu seiner Tätigkeit als Führungskraft absolviert er den Executive MBA Digital Leadership an der HWZ, hielt einen TEDx Talk über die Frage, «the code we run on», und nahm sich Zeit für eine berufliche Neuorientierung. Heute bündelt er seine Erfahrungen und Erkenntnisse in seiner eigenen Beratung «den Otter.Advisory.».

Im Gespräch erzählt Rob, weshalb er sich mitten im Berufsleben für einen EMBA entschieden hat, warum ihn Weiterbildung weit über fachliche Inhalte hinaus geprägt hat und weshalb moderne Führung aus seiner Sicht dort beginnt, wo wir unsere Routinen hinterfragen und aufhören, sofort immer weiterrennen zu wollen.

«In den letzten Jahren hat sich vieles verdichtet»

Lieber Rob, in einem deiner LinkedIn-Posts schreibst du: «In den letzten Jahren hat sich vieles verdichtet.» Was genau meinst du damit?

Ich meine damit mehrere Ebenen gleichzeitig. Technologisch dreht die Welt immer schneller: KI, neue Arbeitsformen, agile Methoden, neue Erwartungen an Führung. Gleichzeitig habe ich im EMBA viele Leadership-Modelle, Denkansätze und spannende Führungspersönlichkeiten kennengelernt.

Das war bereichernd, aber auch ernüchternd. Ich habe gemerkt, wie viel ich eigentlich nicht weiss. Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: In einer komplexen Welt geht es nicht darum, auf alles sofort eine Antwort zu haben. Es geht darum, bessere Fragen zu stellen und genauer hinzuschauen.

Wann hast du gemerkt, dass du beruflich oder persönlich etwas hinterfragen und verändern möchtest?

Das war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess. Ich wollte Dinge klarer sehen und besser einordnen können. Zuerst hätte ich vielleicht gesagt: Ich möchte ein besserer Chef werden. Eigentlich ging es aber tiefer. Ich wollte ein besserer Rob werden – als Führungsperson, aber auch als Vater und Partner. Das hängt für mich zusammen. Wie ich führe, wie ich reagiere, wie ich zuhöre oder mit Druck umgehe, endet ja nicht an der Bürotür.

Rob auf dem Peak des Signal Hill – ein Moment, wie er typischer für ihn nicht sein könnte: Lachen, Freude, Liebe und Unterstützung von seiner Frau Tracey.

Warum ein EMBA mitten im Berufsleben?

Du hast dich mitten im Berufsleben für den Executive MBA Digital Leadership entschieden. Warum war genau jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Weiterbildung?

Weil ich mitten in der Praxis stand. Ich hatte Verantwortung, ein Team, konkrete Herausforderungen und viele Fragen, die nicht theoretisch waren. Genau deshalb wollte ich das Gelernte direkt mit meiner Realität abgleichen.

Dazu kam eine grosse Neugier: Ich wollte besser verstehen, was ich beruflich erlebe – technologisch, organisatorisch und menschlich. Und ganz wichtig: Ohne die Unterstützung meiner Frau Tracey hätte ich diesen Schritt nicht gemacht. Ein EMBA ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern auch eine Entscheidung als Familie.

Viele machen einen EMBA, um den nächsten Karriereschritt vorzubereiten. Bei dir wirkt das eher wie ein bewusster Reflexionsprozess. Würdest du das so beschreiben?

Ja, wobei ich da ehrlich sein muss: Am Anfang habe ich mir davon durchaus auch einen Karriereschritt versprochen. Das war sicher Teil der Motivation.

Im Verlauf des Studiums habe ich aber verstanden, dass Entwicklung nicht nur auf das nächste Ziel ausgerichtet sein sollte. Sonst läuft man Gefahr, am eigentlichen Ziel vorbeizuschiessen. Ich habe vielmehr begonnen zu fragen: Was ist mein Beitrag? Wo kann ich Wirkung erzeugen? Welche Muster treiben mich an – und welche vielleicht nicht mehr?

Der EMBA war für mich also weniger ein Karriereturbo, sondern viel mehr ein Reflexionsraum.

Wie hat sich dein Verständnis von Leadership in den letzten Monaten und insbesondere durch den EMBA verändert?

Ich würde sagen: weg von Performance, hin zu Presence. Natürlich bleibt Leistung wichtig. Unternehmen müssen leisten, Teams müssen liefern, Ziele müssen erreicht werden.

Aber Leadership beginnt für mich nicht erst bei Zielen und Resultaten. Sie beginnt beim Zuhören, beim Verstehen und bei der Fähigkeit, in unklaren Situationen Orientierung zu geben.

Das ist auch stark mit meiner eigenen Haltung verbunden – und mit dem, was mich wirklich interessiert. Mein Feu sacré liegt dort, wo Kommunikation nicht einfach Verpackung ist, sondern Führung unterstützt. Ein gutes Narrativ entsteht nicht, weil man schöner formuliert. Es entsteht, weil man zuerst besser versteht.

Warum braucht Führung heute aus deiner Sicht mehr Reflexion und vielleicht auch mehr Mut zum Innehalten?

Weil man nicht führen kann, wenn man sich selbst nicht kennt. In einer schnellen Welt reagieren wir oft automatisch. Wir liefern, entscheiden, kommunizieren – aber wir halten zu selten inne und fragen: Was passiert hier eigentlich wirklich? Und welche Wirkung hat mein Handeln? Für mich gilt das auch für Unternehmen und Marken. Gerade in Transformationszeiten reicht es nicht, lauter zu kommunizieren. Man muss verständlicher werden. Klarheit entsteht nicht durch schnelleres Antworten, sondern durch besseres Verstehen.

Warum manchmal erst eine Pause Klarheit schafft

Du hast dir bewusst Zeit zwischen deinen beruflichen Kapiteln genommen. Warum war dir das wichtig?

Es war keine Pause im Sinne von «nichts tun». Es war eher eine bewusste Entkopplung. Ich wollte nicht einfach aus einem Instinkt heraus ins nächste Kapitel springen. Ich wollte prüfen: Wo liegt meine Passion? Wo kann ich Wert stiften? Und wofür sind Menschen oder Organisationen bereit, Geld zu bezahlen, weil es für sie wirklich relevant ist? Wenn man zu schnell weiter rennt, nimmt man oft alte Muster einfach mit. Ich wollte zuerst verstehen, in welche Richtung es wirklich gehen soll.

Würdest du sagen, dass Weiterbildung heute auch ein Raum sein kann, um die eigene Richtung neu zu hinterfragen?

Ja, wenn man sich darauf einlässt. Für mich war der EMBA nicht nur ein Ort, um Wissen aufzunehmen. Er war auch ein Raum, um mich selbst nochmals besser kennenzulernen.

Man begegnet anderen Menschen, anderen Branchen und anderen Denkweisen. Das stellt eigene Annahmen infrage. Für mich ging es deshalb nicht nur um Lernen, sondern um Klarheit in Komplexität.

Rob den Otter an seinem TEDx HWZ Talk

Leadership an der HWZ sprach Rob den Otter an seinem TEDx HWZ Talk über «the code we run on». Er reflektiert über Führung, Denkweise und persönliche Entwicklung aus der Perspektive des Sports und der Bewegung. Ausgehend von seinen Erfahrungen als Trailrunner – von den Bergen der Schweiz über den Devil’s Peak in Kapstadt bis hin zu den 13 Peaks Challenge – erzählt er, wie ihm ein einfaches, wiederkehrendes Prinzip dabei half, mit Misserfolgen, Erholung und disziplinierter Vorbereitung umzugehen: prüfen und anpassen.

Vom EMBA zur eigenen Beratung «den Otter.Advisory.»

Heute beginnt mit deiner eigenen Beratungsfirma «den Otter.Advisory.» ein neues Kapitel. Dabei arbeitest du mit Führungsteams an Narrativen, Transformation und Positionierung. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für ein eigenes Business?

Weil mehrere Dinge zusammengekommen sind: meine Erfahrung, meine Stärken, meine Passion und ein reales Bedürfnis in vielen Organisationen. Wir sprechen heute viel über Transformation, KI, neue Arbeitsformen und neue Geschäftsmodelle. Aber am Ende geht es nicht um Prompts. Es geht um Menschen. Es geht darum, ob Führungsteams Komplexität ordnen, gemeinsam verstehen und daraus handlungsfähige Narrative entwickeln können. Genau dort setze ich mit den Otter.Advisory. an: Ich helfe Menschen und Führungsteams, Klarheit in Komplexität zu schaffen – durch Zuhören, kritisches Hinterfragen, Positionierung und Narrative, die Orientierung geben.

Zum Abschluss: Was würdest du Menschen raten, die spüren, dass sich etwas verändern sollte, aber noch nicht genau wissen, wohin?

Nicht sofort eine Lösung erzwingen. Veränderung beginnt oft mit Gesprächen. Mit Zuhören. Mit Spazieren. Mit Coffee oder Beer. Mit Menschen, denen man vertraut.

Im Studium haben wir oft gesagt: Lernen ist conversational. Ich glaube, Veränderung ist es auch. Man muss nicht immer sofort wissen, wohin es geht. Aber man kann beginnen, genauer hinzuschauen. Veränderung beginnt nicht mit dem perfekten Plan, sondern damit, dass man sich selbst ernst genug nimmt, um hinzuhören.

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