Interview mit Patrick Comboeuf
Longevity Economy: Warum die alternde Gesellschaft zum Wirtschaftsfaktor wird
In der Schweiz leben erstmals mehr Menschen über 65 als unter 20. Die definitiven Zahlen des Bundesamts für Statistik vom 20. August 2026 bestätigen damit eine Entwicklung, die sich bereits seit Jahren abzeichnet: Die Schweizer Bevölkerung wird älter. Für Patrick Comboeuf, Studiengangsleiter des CAS Longevity Economy an der HWZ, ist das der unterschätzteste Wirtschaftsbefund des Jahres. Ein Interview über Denkfehler, Marktlücken und die Frage, wer jetzt eigentlich handeln müsste.
Wissen · 15. September 2026
Die Schweiz hat erstmals mehr Menschen über 65 als unter 20. Warum lässt dich diese Zahl nicht los, Patrick?
Weil wir diese Entwicklung seit Jahrzehnten kennen und trotzdem ein Ökosystem gebaut haben, das so tut, als wäre es anders. Jedes fünfte Kind, das heute in der Schweiz zur Welt kommt, dürfte hundert Jahre alt werden. Bei den Mädchen fast jedes vierte. Vor hundert Jahren war es eines von hundert. Das ist keine Katastrophenmeldung. Es ist der grösste zivilisatorische Erfolg der Neuzeit und doch behandeln wir ihn wie ein Buchhaltungsproblem oder scheuen – noch schlimmer – davor zurück, den damit verbundenen Herausforderungen mit offenem Visier zu begegnen und daraus markt- und finanzierungsfähige Chancen abzuleiten.
Und ja, das ist auch persönlich. Ich rede hier nicht über andere. Ich plane meine eigene dritte Lebenshälfte – ja, dritte – nicht für ein Leben, das in ein paar Jahren aufhört.
Longevity betrifft mehr als Vorsorge
Longevity klingt für einige vielleicht nach Kryokammer, Supplements und Biohacking. Was sagst du dazu?
Natürlich gehört eine gute körperliche und psychische Gesundheit ins Zentrum jeder Longevity-Betrachtung. Aber Kryokammer und Schamanentum bei obskuren Supplements greifen zu kurz. Zugelassen ist bis heute kein einziges Medikament gegen das Altern.
Mich interessiert etwas anderes: die Wirtschaft eines Lebens, das nicht mehr in drei Blöcke zerfällt. Ausbildung, Beruf, Ruhestand, dazu eine teure Uhr als Dankeschön für vier Jahrzehnte Einsatz. Dieses Modell ist Geschichte. Nur die Angebote haben es noch nicht gemerkt.
Eine Grösse verdient dabei viel mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt: Zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung klafft eine Lücke von gut zehn Jahren, und sie wächst. Wir verlängern das Leben derzeit schneller als die Gesundheit. Genau dort liegt der lukrativste Teil des Geschäfts. Healthspan ist die neue Währung.
Betrifft das Thema Longevity denn besonders Branchen und Bereiche wie die Versicherungen und Pensionskassen?
Das ist eine wichtige betroffene Branche und gleichzeitig einer der häufigsten Denkfehler. Longevity Economy ist keine Branche, sondern eine Querschnittsverschiebung. Sie trifft vier Seiten gleichzeitig.
Die Passivseite der Bilanzen, weil Verpflichtungen länger laufen als kalkuliert.
Die Aktivseite, weil Präzisionsmedizin, Prävention und Wohnen von derselben Demografie leben.
Die Nachfrageseite, weil die kaufkräftigste Kohorte der Geschichte etwas anderes will, als man ihr anbietet.
Und die Arbeitsseite, weil Erwerbsbiografien sich verzweigen, statt mit 65 zu enden.
Konkret heisst das: Es trifft die Bank und die Pensionskasse, ja. Aber genauso die Immobilienentwickler:innen, die immer noch Wohnungen für eine Familienphase bauen, die kürzer wird, die Detailhändler:innen, die die kaufkräftigste Kundschaft mit Grossbuchstaben adressieren, Reiseveranstaltende, Mobilitätsanbieter, das Spital und HealthTech-Gründer:innen. Und jeden Arbeitgeber mit Fachkräftemangel, der gleichzeitig Fünfzigjährige aus der Weiterbildung nimmt.
Wo zeigt sich diese Entwicklung bereits heute besonders deutlich?
Ein Beispiel, das mich nicht loslässt: 2023 bezogen erstmals mehr Neupensionierte ihr Kapital als eine Rente. Ein Jahr später war es schon deutlich mehr. Damit ist das Langlebigkeitsrisiko von der Bilanz der Pensionskasse auf den Küchentisch der einzelnen Person gewandert. Die Frage «Wie lange reicht mein Geld?» ist vom Sonderfall zum Massenphänomen geworden. Ein institutionalisiertes, bezahlbares Beratungsangebot dafür? In den meisten Häusern noch Fehlanzeige.
Das ist keine Anklage. Das ist eine Marktlücke mit Ansage. Und wer jetzt denkt, das betreffe die eigene Branche nicht, gehört vermutlich zu denen, die es zuerst trifft.
Wie verändert sich das Altersbild?
In vielen Marketingabteilungen gelten die Ü55 als schwierige Zielgruppe. Warum tun sich Unternehmen deiner Meinung nach noch immer so schwer damit, Angebote für die Generation 55 plus zu entwickeln?
Weil diese Zielgruppe falsch gedacht wird. Wer heute Angebote für die Generation 55+ entwickelt, ist im Schnitt selbst zwischen 35 und 50 und plant für ein Alter, das es so gar nicht mehr gibt.
Die gut gealterte, gemeinsame Studie «Digital Ageing» des Gottlieb Duttweiler Instituts und von Swiss Life zeigt das wunderbar: Die Jüngeren haben ein konservativeres Altersbild als die Pensionierten selbst. Über 60-Jährige gewichten Weiterbildung höher als Reisen. Das Eigenheim – für Jüngere der Inbegriff des Alterswohlstands – verliert bei den Betroffenen massiv an Bedeutung. Viele wollen lieber zentral wohnen, ohne Auto und mitten im Leben.
Was sagt uns das über die Art und Weise, wie Unternehmen ihre Kundinnen und Kunden segmentieren?
Rund 70 Prozent der Erwerbstätigen über 65 Jahren arbeiten aus Freude an der Sache. Und 71 Prozent der Bevölkerung glauben, sie täten es aus finanzieller Not. Zwei fast identische Zahlen, die exakt das Gegenteil voneinander behaupten. Dieses Bild prägt Personalpolitik, Produktentwicklung und Gesetzgebung gleichermassen. Denn so entstehen Notrufuhren und Seniorenhandys, die technisch tadellos sind und trotzdem gemieden werden, weil sie ihre Nutzenden stigmatisieren.
Und dann kommt der zweite Fehler: nach Geburtsjahr zu segmentieren. Der eine will mit 62 Jahren nochmals gründen, der zweite misst täglich seine Biomarker, der dritte will schlicht einen Menschen am Telefon. Gleich alt, ähnlich vermögend, komplett verschiedenes Kaufverhalten. Es geht um Motivation und Technologieaffinität, nicht um den Jahrgang.
Welche Rolle spielt KI für die Generation 55 plus?
Du siehst künstliche Intelligenz gerade für die Generation 55+ als Chance, während viele dies als Jobkiller sehen. Was macht dich dabei optimistisch?
Die Sorge ist verständlich, aber für mich falsch adressiert. Die beste Datengrundlage dazu kommt aus Stanford und zeigt ausdrücklich keinen flächendeckenden Stellenabbau. Wo es klemmt, klemmt es bei den Berufseinsteigern, nicht bei den Erfahrenen.
Für die zweite Berufshälfte sehe ich vor allem Rückenwind, und zwar in genau den drei Dimensionen, die für ein langes Leben zählen.
Berufliche Dimension: Billig wird die Ausführung, knapp bleiben Urteilsvermögen, Kontext und Beziehungen. Also genau die Währung, die man mit 55 Jahren hat und mit 25 Jahren noch nicht. Erstmals seit Jahrzehnten richtet sich eine Technologiewelle nicht gegen die Älteren: Man muss nicht programmieren können, sondern präzise denken, formulieren und vernetzt orchestrieren können. Der Werkzeugvorsprung der Digital Natives schmilzt gerade weg.
Gesundheitliche Dimension: Diagnostik und Prävention werden messbar, mobil und bezahlbar.
Finanzielle Dimension: Gute Beratung wird erstmals skalierbar, statt ein Privileg ab einer gewissen Vermögensgrenze zu bleiben.
Die Kehrseite verschweige ich nicht. Wer mit über 55 Jahren auf der falschen Seite der Linie steht – dort, wo die Technologie die Aufgabe ersetzt statt ergänzt – hat es schwerer als früher. Und der Nutzen hängt an der Qualität der Frage, nicht am Modell. Auch das ist keine Kritik an der Technologie, sondern die Definition einer Marktlücke.
Was können Unternehmen konkret tun?
Angenommen, jemand liest das, nickt und will am Montag etwas anders machen. Wo fängt man an?
Mit einer unangenehmen Bestandsaufnahme. Welche unserer Annahmen über unsere Kundinnen und Kunden stammen aus einer Zeit, in der man mit 65 Jahren aufgehört hat, zu leben? Danach wird es konkret. Ich sehe vier Fähigkeiten, die heute in kaum einem Stelleninserat stehen und in fünf Jahren in vielen stehen werden:
Erstens geht es darum, Zielgruppen nach Motivation und Technologieaffinität zu segmentieren und nicht einfach nach ihrem Alter – angewendet auf das eigene Portfolio, nicht auf einer Folie.
Zweitens müssen Longevity-Angebote nüchtern beurteilt werden. Ob von Biotech-Beteiligung bis zum HealthTech-Partner: Entscheidend sind Evidenz, Marktgrösse und Bewertung. Wer das nicht kann, kauft Narrative.
Drittens müssen wir die Entnahmephase rechnen: Vermögensverzehr über 25 bis 35 Jahre, inklusive Sequenzrisiko, Inflation und Gesundheitskosten. Das ist die Disziplin, die hierzulande am meisten fehlt und sich am schnellsten auszahlt.
Und viertens müssen Unternehmen einschätzen können, wo KI das eigene Geschäft entlastet und wo sie es ersetzt. Nicht als Prinzipienfrage, sondern Prozess für Prozess.
Welche Kompetenzen braucht es dafür?
Es sind viele unterschiedliche Kompetenzen, die quer über Disziplinen liegen, über die bloss wenige Menschen miteinander reden: Demografie, Vorsorgerecht, Kapitalmärkte, Medizin, Verhaltensökonomie, Produktentwicklung. Genau diese Lücke war der Grund, warum wir an der HWZ den CAS Longevity Economy gebaut haben.
Vieles davon betrifft auch politische Rahmenbedingungen. Die AHV-Reform 2030 ist gerade in der Vernehmlassung. Was heisst das für alle anderen? Welche Rolle sollte die Politik bei diesem Thema spielen?
Dass sie nicht warten sollten. Geduldig auf die Politik zu warten, bis finanzierungs- und im besten Fall marktfähige Lösungen vorliegen, wird nicht reichen. Das ist keine Böswilligkeit, sondern Mechanik: Langlebigkeit ist wohl kaum etwas, was ein Parlamentsmitglied ins Zentrum einer Wiederwahl-Kampagne stellen sollte. Der Zeithorizont passt schlicht nicht zur Legislatur und ein Umlagesystem kennt ohnehin nur drei Hebel: mehr Beiträge, längeres Arbeiten, tiefere Renten. Alles andere ist Kommunikation.
Es braucht deshalb einen kollektiven Effort von Wirtschaft, Behörden, Gesetzgebern und der Gesellschaft. Die spannenden Antworten entstehen neben der Reform: in Finanzprodukten, Arbeitsmodellen, Wohnformen, Beratung, Prävention.
Die Schweiz hat dafür fast schon einen unfairen Vorteil: eine der höchsten Lebenserwartungen überhaupt. Eine überschaubare Staatsverschuldung, dazu ein kapitalgedecktes Vorsorgesystem, das die meisten Länder schlicht nicht haben. Unsere Begrenzung ist demnach nicht das Geld, sondern die Fantasie und das Tempo.
Was fehlt, sind Menschen, die dieses Thema im eigenen Haus unternehmerisch besetzen. In Banken und im Wealth Management, bei Versicherungen und Pensionskassen, in Immobilien, Gesundheit, Handel und Mobilität, in Strategie- und Innovationsteams oder bei Gründerinnen und Investoren. Ich sage das mit einer gewissen Demut: Ich habe in meinen zwanzig Jahren in Grossorganisation genug Folien über den demografischen Wandel gesehen, um mich mitschuldig zu fühlen. Innovativ gehandelt hat kaum jemand, mich eingeschlossen.
Warum braucht es dafür einen eigenen CAS?
Genau hier setzt der CAS Longevity Economy an. Was war die Idee dahinter?
Schweizweit einen ersten Lehrgang zu entwickeln, der Langlebigkeit konsequent als wirtschaftliches und gesellschaftliches System behandelt, statt als Gesundheitsthema. Was ihn von einer Vorlesungsreihe unterscheidet, sind drei Dinge.
Die Studiengruppe ist bewusst durchmischt: Finance, Health, Immobilien, Industrie. Wer nur unter Fachkolleginnen und -kollegen sitzt, bekommt die Querschnittsverschiebung nie zu fassen.
Zweitens pitchen die Teilnehmenden am Ende ein eigenes Geschäftsmodell vor einer Jury aus Praktiker:innen (unser Praxispartner Maximon baut und finanziert genau solche Unternehmen). Bewertet wird, ob das Modell trägt, nicht ob die Folien schön sind.
Und drittens machen alle eine persönliche Gesundheitsstandortbestimmung. Das ist kein Wellness-Gutschein. Wer nie den eigenen biologischen Status gemessen und die eigene Entnahmerate durchgerechnet hat, kann eine dreissigjährige Ruhestandsphase kaum glaubwürdig gestalten. Weder für sich noch für Kundinnen und Kunden.
Wir schärfen das Bewusstsein für die Herausforderungen, aber eben auch für die Opportunitäten. Wir ordnen ein und verknüpfen Know-how mit Do-how.
Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit Longevity Economy auseinanderzusetzen?
Weil «gesetzt» in diesem Fall heisst: Der Vorsprung ist weg.
Am Ende ist es eine Wahl. Die Schweiz kann Verwalterin ihres eigenen Alterns werden: Renten kürzen, Beiträge erhöhen, Debatte vertagen. Oder sie wird die erste Volkswirtschaft, die begreift, dass zwanzig, dreissig zusätzliche gesunde Lebensjahre kein Kostenblock sind, sondern der grösste unerschlossene Markt und die grösste ungenutzte Ressource, die wir haben.
My take: Variante zwei. Nicht aus naivem Optimismus, sondern weil die Zahlen es hergeben. Wer jetzt anfängt, hat noch einen Vorsprung. In zehn Jahren machen es alle, weil sie müssen.
Quellen
BFS, Bevölkerungsbestand 2025, definitive Ergebnisse, 20.8.2026
BFS / Menthonnex, «Die Sterblichkeit der Schweizer Geburtsjahrgänge 1900–2030», 2015 (Jahrgang 2013: 17,6 % Männer, 23,9 % Frauen; Jahrgang 1900: 0,2 % und 0,8 %)
Institute for Health Metrics and Evaluation, Global Burden of Disease 2023, The Lancet Public Health, 21.7.2026 (global 10,7 Jahre; Hocheinkommensländer 12,7)
BFS Neurentenstatistik, publiziert 27.11.2025 (2023: 41 % Kapital / 40 % Rente; 2024: 45 % / 36 %)
GDI Gottlieb Duttweiler Institute / Swiss Life, «Digital Ageing», 2015, n = 1'123
Brynjolfsson / Chandar / Chen, «Canaries in the Coal Mine?», Stanford Digital Economy Lab, Fassung 12.8.2026
Sanzenbacher, Center for Retirement Research at Boston College, Issue Brief 26-13, Juni 2026

