Vom Nischenthema zum CAS

Wie Cornelia Diethelm digitale Ethik an der HWZ verankert hat

Cornelia Diethelm kam als Studentin an die HWZ, machte sich danach als Expertin für Digitalisierung, KI und Verantwortung selbständig und kehrte als Dozentin und Studiengangsleiterin zurück. Mit der Entwicklung des CAS Digital Ethics im Jahr 2020 griff sie ein Nischenthema auf und verankerte es in mehreren Studiengängen an der HWZ. Im Jubiläumsinterview verrät sie, was sie an der Digitalisierung fasziniert und wie der Mensch den digitalen Wandel aktiv mitgestalten kann.

40 Jahre HWZ · 17. August 2026

Dieser Artikel ist Teil der Content-Reihe zum 40-Jahre-Jubiläum der HWZ. Wir möchten damit die Vielfalt an Geschichten aus unserer Hochschule aufzeigen sowie welche Themen und Personen die HWZ prägen bzw. geprägt haben.


Cornelia Diethelm ist Expertin für Digitalisierung, KI und Verantwortung und vermittelt zwischen der Wirtschaft und den Erwartungen der Gesellschaft. Ihr Wissen gibt sie auch als Studiengangsleiterin des CAS Digital Ethics an der HWZ und Dozentin in zahlreichen Studiengängen weiter. 2018 hat sie ihr eigenes Unternehmen gegründet, die Shifting Society AG.

Cornelia, du hast den MAS Digital Business an der HWZ absolviert und hast dich nach dem Abschluss selbständig gemacht. Gab es Momente oder Erfahrungen aus dem MAS, die dir den Mut oder das Rüstzeug dafür gegeben haben?

Der MAS war für mich ein wichtiges Sprungbrett. Ich habe mich zuvor noch nie so in die Technologie vertieft. Vor allem KI und Robotik faszinierten mich, etwa wie schnell wir eine Maschine vermenschlichen. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass viele Menschen von den neuen digitalen Möglichkeiten so begeistert sind, dass die Auswirkungen auf uns und unsere Bedürfnisse vernachlässigt werden.

Diese Lücke hat mich motiviert, mich als Expertin für Digitalisierung, KI und Verantwortung selbständig zu machen. Dazu kam ein Netzwerk aus dieser Zeit, das mir den Übergang später leicht gemacht hat.

Heute bist du selbst Dozentin und Studiengangsleiterin des CAS Digital Ethics. Wieso hast du dich dafür entschieden, in diesen Rollen an die HWZ zurückzukehren?

An der HWZ gefallen mir der Spirit und die Persönlichkeiten; es ist schon fast wie eine Familie, man kennt sich. Aus meinen eigenen Erfahrungen in drei CAS an dieser Hochschule entstand die Idee, ein neues CAS Digital Ethics aufzubauen und zu verantworten. Ich fragte bei Manuel Nappo vom damaligen Institute for Digital Business nach und er hat mich in meiner Idee bestärkt.

Dass wir gleich mit einer vollen Klasse starten konnten, war ein Highlight meiner noch jungen Selbständigkeit. Und es freut mich, dass der verantwortungsvolle Umgang mit Daten und KI seither in verschiedene Studiengänge integriert wurde.

Du hast das Centre for Digital Responsibility gegründet und schaffst damit Orientierung für verantwortungsvolle Entscheidungen im KI-Zeitalter. Was bedeutet der Begriff «Digital Responsibility» für dich und warum wird er für Unternehmen immer wichtiger?

Nicht alles, was technologisch machbar ist, ist auch wünschenswert. Das ist das Herzstück meiner Arbeit.

Digitale Verantwortung heisst für mich zweierlei: Wir müssen wissen, was mit Daten und Technologien wie KI möglich ist und was nicht. Und wir müssen uns zugleich fragen, was wir überhaupt erreichen wollen. Denn KI ist nicht für jede Herausforderung die passende Lösung, und nicht jeder KI-Einsatz entspricht unseren Wertvorstellungen.

Cornelia Diethelm, Studiengangsleiterin CAS Digital Ethics HWZ

Ziel ist, dass KI unseren Handlungsspielraum erweitert, ohne dass wir Werte wie Fairness, Privatsphäre oder Selbstbestimmung verletzen. Wie dies gelingt, zeige ich Unternehmen und Organisationen. Besonders wichtig finde ich den Einbezug der Mitarbeitenden, denn sie kennen die Prozesse und Bedürfnisse der Kundschaft am besten. Ebenso zentral ist die Kultur des Lernens und Ausprobierens innerhalb klarer Spielregeln.

Digitale Ethik war vor einigen Jahren noch ein Nischenthema. Was hat dich daran so fasziniert, dass du diesem Thema einen grossen Teil deiner Arbeit widmest?

Ich war beruflich schon immer in interdisziplinären Rollen unterwegs, in der Führungsunterstützung und im Top-Management. Dort habe ich früh gemerkt, dass es eine Brücke braucht zwischen dem, was die Technologie kann, und den Erwartungen, Befürchtungen sowie Hoffnungen der Menschen.

Es war der perfekte Moment, als ich Mitte 2018 mein eigenes Unternehmen gründete. Das Marktforschungsinstitut Gartner führte digitale Ethik erstmals unter den Top 10 der strategischen Technologietrends auf. Diese Nähe zur Technologiefrage hat mir sehr geholfen. Der Trend brachte das Thema auf die Agenda der Unternehmen und Führungskräfte, wo es bis heute geblieben ist.

Die HWZ steht für praxisnahe Weiterbildung. Wie sorgst du im CAS Digital Ethics dafür, dass Studierende nicht nur theoretisches Wissen, sondern konkrete Handlungskompetenzen mitnehmen?

Das beginnt bei den Dozierenden. Sie kommen fast alle aus der Praxis und bilden sich laufend weiter. Nur wenige kommen aus der Wissenschaft, arbeiten aber eng mit der Wirtschaft zusammen. Im Unterricht selbst beurteilen wir aktuelle Fälle, vertiefen Themen in Gruppen und lernen voneinander.

Cornelia Diethelm, Studiengangsleiterin CAS Digital Ethics HWZ

Neben deiner Lehrtätigkeit veröffentlichst du einen Podcast, in dem du über die Auswirkungen von KI und Digitalisierung auf Wirtschaft und Gesellschaft sprichst, und schreibst einen Blog rund um digitale Verantwortung. Was treibt dich an, diese Themen über den Unterricht hinaus in die Öffentlichkeit zu tragen?

Ich war schon immer gesellschaftspolitisch interessiert und früh auf Social Media aktiv. Mich beschäftigen sehr viele Themen, und ich nehme dazu gerne öffentlich Stellung oder teile, was ich spannend finde. Podcast und Blog sind für mich die konsequente Erweiterung davon: Ich mache meine Expertise sichtbar und vernetze mich zugleich mit Menschen, die im selben Feld arbeiten.

Genauso wichtig sind mir die Begegnungen mit Persönlichkeiten aus anderen Bereichen. So fliessen die Rückmeldungen auf das, was ich nach aussen trage, immer wieder in meine eigene Arbeit zurück.

Aktuell arbeitest du an einem Buch über den Menschen im Zeitalter von KI. Welche zentrale Erkenntnis hast du bereits gewonnen und was sagt sie über die Zukunft der Beziehung zwischen Mensch und KI aus?

Meine wichtigste Erkenntnis ist zugleich der rote Faden des Buches: KI ist von A bis Z ein Produkt von Menschen. Menschen entscheiden, welche Systeme entwickelt werden, womit sie trainiert werden und wo sie zum Einsatz kommen. Doch dieser Einfluss wird oft unsichtbar gemacht, als wäre KI eine anonyme Kraft, der wir einfach ausgeliefert sind. Das stimmt nicht.

Ich finde es gefährlich, ein Stück Software zu vermenschlichen und die Rechenleistung einer Maschine mit menschlicher Intelligenz gleichzusetzen. Wie sich die «Beziehung» zwischen Mensch und KI entwickelt, ist unsere Entscheidung.

Cornelia Diethelm, Studiengangsleiterin CAS Digital Ethics HWZ

Mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Das Buch erscheint 2027 beim Stämpfli Verlag.

Du wurdest von Women in Business zu den Top 100 Frauen der Schweiz gewählt. Was bedeutet dir diese Auszeichnung persönlich und im Hinblick auf deine Mission?

Diese Nominierung kam für mich völlig überraschend und hat mich riesig gefreut. Was mir besonders gefällt: Die Liste umfasst ein breites Spektrum an Frauen aus völlig unterschiedlichen Branchen und Positionen, von der CEO bis zur Ein-Frau-Firma.

Stellvertretend für viele andere Frauen zeigen wir, wie viel Potenzial oft ungesehen bleibt, gerade bei Technologien und in Führungspositionen. Das sehe ich zum Beispiel als Keynote-Speakerin an KI-Veranstaltungen, in Weiterbildungen und als Verwaltungsrätin. Solche Auszeichnungen helfen, dieses Potenzial sichtbar zu machen und viele weitere Frauen zu motivieren, ihren eigenen Weg zu gehen.

Die HWZ feiert ihr 40-jähriges Jubiläum. Wenn du an deine Zeit als Studentin und heute als Studiengangsleiterin zurückdenkst: Was macht die HWZ für dich besonders?

Was ich an der HWZ besonders schätze, ist das familiäre Umfeld. Ich erlebe eine unglaubliche Bandbreite an Expertise und Erfahrung bei den Dozierenden, die ihr Wissen nicht nur lehren, sondern aus ihrer Praxis mitbringen.

Cornelia Diethelm, Studiengangsleiterin CAS Digital Ethics HWZ

Genauso spannend sind für mich die Personen in den einzelnen Studiengängen: unterschiedliche Branchen, unterschiedliche Perspektiven, und trotzdem entsteht schnell ein Austausch auf Augenhöhe. Das alles führt zu einer Community, der man auch nach Studienabschluss gerne verbunden bleibt.

Wofür sollte die HWZ auch künftig bekannt sein?

Ich wünsche mir, dass die HWZ für das Zusammenspiel aus Fachwissen und menschlicher Nähe bekannt bleibt. Das gelingt, wenn sie weiterhin die Besten aus der Praxis als Dozierende und für die Studiengangsleitung gewinnen kann. Genauso wichtig ist, dass die HWZ praxisorientiert bleibt und Neues ausprobiert – gerade jetzt, wo wir mitten im digitalen Wandel stecken.