Gastbeitrag von Lea Hungerbühler

Compliance sorgt erst dann für Schlagzeilen, wenn sie versagt

Compliance fällt meist erst dann auf, wenn etwas schiefläuft – dann allerdings mit weitreichenden Folgen. Internationale Geschäftsmodelle, komplexe Sanktionsregeln und neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verändern die Anforderungen an Compliance grundlegend. Effektive Compliance bedeutet deshalb längst mehr, als Vorschriften zu kennen und Kontrollen abzuhaken. Lea Hungerbühler, Studiengangsleiterin im CAS International Compliance Management HWZ, zeigt auf, warum Fachleute gesucht sind, die Risiken frühzeitig erkennen, Technologie sinnvoll einsetzen, regulatorische Anforderungen in die Praxis übersetzen und innerhalb einer Organisation den Dialog über Risiken fördern.

Wissen · 18. September 2026

Portrait Lea Hungerbühler HWZ

Wenn Compliance funktioniert, sorgt sie selten für Schlagzeilen. Versagt sie jedoch, können die Folgen erheblich sein: behördliche Ermittlungen, hohe Geldstrafen, Reputationsschäden und in extremen Fällen sogar der Verlust der Lizenz eines Unternehmens.

Aktuelle Fälle zeigen, wie hoch der Einsatz mittlerweile geworden ist.

  • Im August 2026 wurde eine grosse internationale Bank mit Hauptsitz in der Schweiz vom US-amerikanischen Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) wegen wiederholter Verstösse gegen Geldwäschevorschriften mit einer Geldstrafe in Höhe von 125 Millionen US-Dollar belegt. Nach Angaben der Behörden umfassten die Mängel unter anderem eine unzureichende Überwachung von Devisentransaktionen im Wert von mehr als 10 Milliarden US-Dollar sowie Unzulänglichkeiten bei der Sorgfaltspflicht gegenüber Kundinnen und Kunden mit hohem Risiko.

  • Etwas näher an unserer Heimat liefert der Fall einer in der Schweiz ansässigen Bank ein noch eindrucksvolleres Beispiel. Im Februar 2026 gab die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA bekannt, dass sie schwerwiegende und systematische Mängel in Bezug auf Geldwäschebekämpfungsvorschriften, Organisationsstrukturen und das Risikomanagement festgestellt habe. Zu den Mängeln zählten der Umgang der Bank mit sanktionierten Kundinnen und Kunden sowie Transaktionen mit eingefrorenen Vermögenswerten. Letztendlich entzog die FINMA der Bank die Lizenz und ordnete ihre Liquidation an.

Fälle wie diese werfen für Unternehmen und ihre Compliance-Verantwortlichen eine wichtige Frage auf: Was erfordert effektive Compliance heute in der Praxis eigentlich?

Bei Compliance geht es nicht mehr nur darum, die Regeln zu kennen

Lange Zeit wurde Compliance in erster Linie mit Vorschriften, Weisungen, Kontrollmechanismen und Berichtspflichten in Verbindung gebracht. Diese sind nach wie vor unverzichtbar. Doch die Rolle des modernen Compliance-Fachleute hat sich erheblich erweitert.

Internationale Geschäftsmodelle, immer komplexere Sanktionsregelungen, grenzüberschreitende Finanzströme und sich rasch entwickelnde Technologien bedeuten, dass Compliance-Expertinnen und -Experten nicht nur verstehen müssen, was die Regeln vorschreiben, sondern auch, wie Risiken innerhalb einer Organisation entstehen.

Sie müssen die richtigen Fragen stellen:

  • Erkennen unsere Kontrollen tatsächlich die Risiken, für deren Identifizierung sie konzipiert wurden?

  • Verstehen wir, wer unsere Kundinnen und Kunden und Geschäftspartner wirklich sind?

  • Können unsere Systeme ungewöhnliche Transaktionen erkennen?

  • Wie sollten wir reagieren, wenn sich die Technologie schneller entwickelt als die Regulierung?

  • Und wie schaffen wir eine Kultur, in der Mitarbeiter:innen Bedenken äussern, bevor sie zu regulatorischen Problemen werden?

Effektive Compliance erfordert daher eine Kombination aus rechtlichem und regulatorischem Wissen, technologischem Verständnis, fundiertem Urteilsvermögen und Führungsstärke.

Technologie verändert sowohl die Risiken als auch die Lösungen

Die Technologie verändert den Bereich Compliance in bemerkenswertem Tempo. Künstliche Intelligenz und Datenanalyse können Unternehmen dabei helfen, Muster und Risiken zu erkennen, die zuvor nur schwer zu entdecken waren. Moderne Compliance-Tools können die Überwachung automatisieren, Risikobewertungen unterstützen und riesige Informationsmengen verarbeiten.

Gleichzeitig bringen diese Technologien völlig neue Herausforderungen mit sich. Wie lässt sich KI verantwortungsvoll in Compliance-Prozessen einsetzen? Wie können Unternehmen sicherstellen, dass automatisierte Entscheidungen nachvollziehbar und überprüfbar bleiben? Welche neuen Risiken entstehen, wenn sich Unternehmen auf Algorithmen, grosse Datensätze oder externe Technologieanbieter verlassen?

Die Compliance-Fachleute von morgen müssen Technologie daher aus zwei Perspektiven betrachten: Technologie als Compliance-Risiko und Technologie als Compliance-Instrument.

Bei Compliance geht es letztendlich um Menschen

Doch selbst das beste Compliance-System kann nicht allein durch Technologie und Vorschriften zum Erfolg führen. Hinter jeder Richtlinie, jeder Transaktion, jeder Eskalation und jeder geschäftlichen Entscheidung stehen Menschen.

Compliance-Fachleute müssen daher in der Lage sein, effektiv mit der Geschäftsleitung zu kommunizieren, Entscheidungen konstruktiv zu hinterfragen und komplexe regulatorische Anforderungen in Lösungen umzusetzen, die in der Praxis funktionieren. Ebenso wichtig ist es, dass sie das Geschäft, das sie beraten, verstehen und Beziehungen aufbauen, die es ermöglichen, Compliance-Bedenken frühzeitig anzusprechen – bevor sie sich zu grösseren Problemen entwickeln.

Die jüngsten Enforcement-Fälle machen deutlich, dass Compliance nicht als reine Abhakübung betrachtet werden darf. Unternehmen benötigen Fachleute, die Risiken frühzeitig erkennen, sich in immer komplexeren regulatorischen Umfeldern zurechtfinden, Technologien effektiv nutzen und selbstbewusst mit Stakeholdern im gesamten Unternehmen kommunizieren können.

Letztendlich wird effektive Compliance nicht an der Anzahl der Weisungen gemessen, über die ein Unternehmen verfügt. Sie wird daran gemessen, ob diese Weisungen, Systeme und Kontrollen funktionieren, wenn es darauf ankommt.

Für Compliance-Fachleute bedeutet dies, ihr Fachwissen kontinuierlich weiterzuentwickeln, etablierte Ansätze zu hinterfragen und aus den Erfahrungen anderer zu lernen. Denn in einem Umfeld, in dem sich Regulierung, Technologie und Geschäftsmodelle ständig weiterentwickeln, ist Stillstand an sich schon ein Risiko.

Und auch wenn erfolgreiche Compliance vielleicht nie Schlagzeilen macht, kann sie doch dazu beitragen, dass ein Unternehmen nicht aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen gerät.

CAS International Compliance Management HWZ

Der CAS International Compliance Management HWZ vermittelt praxisnahes Wissen zu den wichtigsten internationalen Compliance-Themen wie Datenschutz, Cyber Security, ESG und grenzüberschreitender Finanzregulierung. Sie lernen von international renommierten Expertinnen und Experten.


Quellen