Foto Patrizia Laeri

Aktuell24. Juni 2020

Interview mit Patrizia Laeri: Die Macht der Worte

Die Digitalisierung beeinflusst die Wirtschaft ebenso wie die Gesellschaft. Als Wirtschaftsjournalistin, die sich stark für die Gleichberechtigung einsetzt und rege ihre Social-Media-Profile nutzt, weiss Patrizia Laeri genau, worüber sie spricht und schreibt. Überzeugt von der Kraft ihrer Worte, hat sie ihre Mission in den Medien noch längst nicht erfüllt.

Nach 17 Jahren beim SRF startet Patrizia Laeri am 1. Juli als Chefredaktorin bei CNNMoney Switzerland.

Interview Patrizia Laeri aus dem YEA(H)RBOOK 2020 des Institute for Digital Business.

Es ist 9 Uhr, die Schweizer Aktienbörse öffnet. Was machen Sie üblicherweise zu dieser Uhrzeit?
Ich tausche mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Fachredaktion Wirtschaft bei SRF an der täglichen Redaktionssitzung aus.

Was hat Sie dazu bewegt, Wirtschaft zu studieren?
Ich war gut in Mathe und wollte nicht ein vermeintlich «typisches Frauenstudium» absolvieren. Kurz nachdem ich angefangen hatte, packte es mich aber so richtig. Es war die Zeit der Dotcom- Krise und ich wollte unbedingt verstehen, wie es immer wieder zu diesen irrationalen Übertreibungen kommen kann. Das Thema Verhaltensökonomie interessierte mich schon damals sehr. Auch unbewusste Vorurteile, verzerrte Wahrnehmungen spielen da eine grosse Rolle, die auch für ein erfolgreiches Management der Gleichstellung entscheidend sind.

Was ist Ihre früheste Erinnerung daran, dass Sie sich für Frauen stark gemacht haben?
Meine Mutter mit KV-Abschluss blieb wegen uns Kindern zuhause. Sie verpasste die ganze Einführung des Computers. Als sie zurück in den Job wollte, hatte sie den Anschluss verpasst und fand keine Stelle. Diese Erfahrung prägte mich sehr.

Inwiefern beeinflusst die Digitalisierung die Gleichberechtigung von Mann und Frau?
Die Digitalisierung sorgt dafür, dass sich Frauen viel besser vernetzen als früher. Sie finden schnell Gleichgesinnte und es formen sich starke Communities. Die Digitalisierung macht auch alles transparenter, seien es Löhne oder frauen-
feindliche Arbeitsumgebungen, man beachte beispielsweise Mitarbeitenden-Bewertungsportale. Frauen sind damit informierter und schlagkräftiger.

Die Digitalisierung verändert die Medienbranche stark. Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Ich bin überzeugt, dass demokratierelevante Inhalte immer Platz haben werden. Womöglich wird die Zukunft stärker gebührenfinanziert sein. Für mich als Journalistin merke ich, dass ich mich laufend weiterentwickeln muss. Die kanalgerechte Aufbereitung von Inhalten, digitale Vernetzung und die eigenen Social-Media-Kanäle sind heute zentral. Kürzlich belegte eine Studie, dass Leser stärker den Menschen vertrauen, die Inhalte teilen, als der Quelle dahinter. Medienhäuser tun gut daran, wenn sie ihre Journalistinnen und Journalisten auch als vertrauenswürdige Multiplikatoren und Distributoren einspannen.

Auf LinkedIn gehören Sie mit Ihrem persönlichen Profil zu den Top Voices: Wann starten Sie Ihren eigenen Vlog, Podcast, Blog oder Live-Stream?
Traditionelle Medien haben noch immer einen starken Einfluss, ich vervielfache diesen nur. Wir profitieren beide voneinander, das stimmt für mich aktuell. Hinter eigenen Formaten muss ein funktionierendes Monetarisierungsmodell stecken. Diesbezüglich ist die Plattform Medium spannend, allerdings erst für englische Inhalte.

Mit «Frauen für Wikipedia» setzen Sie sich für mehr Einträge über Frauen ein. Was würden Sie gerne in Zukunft über sich selber auf Wikipedia lesen?
Sie hat mit Ihrem Start-up massgeblich den Gender-Wealth- und -Investmentgap geschlossen und weibliche Finanzkompetenz gefördert.

Was möchten Sie als Beirätin des Institute for Digital Business bewirken?
Die Interdisziplinarität und den Dialog mit verschiedenen Branchen fördern. Das ist spannend, erhellt und bereichert, weil wir uns im Alltag meist mit ähnlichen Leuten umgeben.

Was ist das Wertvollste, was Sie bisher in Ihrem Leben gelernt haben?
Interessier dich, dann machst du dich auch für andere interessant. Und: Schreib, was dich bewegt. Dann bewegst du auch andere damit.

Sie haben fundierte und breite Kenntnisse der Wirtschaft, engagieren sich für Gesellschaftliches wie die Gleichberechtigung und kennen sich mit zukunftsweisenden Themen wie der Digitalisierung aus: Wäre das nicht ein ideales Gesamtpaket für eine politische Karriere?
Ich habe grossen Respekt vor der Politik, aber man braucht Geduld. Ich bin vom Naturell her sehr ungeduldig und möchte Dinge anpacken, schnell vorwärtstreiben und umsetzen. Mich einer Parteimeinung unterzuordnen, kann ich mir nicht vorstellen. Unabhängigkeit ist ein ungemein wertvolles Gut. Zudem habe ich meine Mission in den Medien noch nicht erfüllt. Ich spüre, dass ich hier noch einen grossen Impact erzielen kann.

Angeblich ordnen Sie Ihre Bücher zu Hause nach Farben. Ist das der Grund, wieso Sie trotz Begeisterung für die Digitalisierung auf einen E-Reader verzichten?
Weil ich ein sehr visueller Mensch bin, weiss ich genau, wie ein Buch aussieht, und finde es innerhalb von Sekunden. Schneller als in einer alphabetischen Reihenfolge. Im E-Reader verliere ich die Orientierung. Ich mag das Haptische des Buches.

Sie lesen angeblich gerne «Klugscheisserinnenbücher»: Was haben Sie zuletzt in einem Buch gelernt?
Dass viele wissenschaftliche Studien primär auf der Datengrundlage von männlichen Testpersonen basieren und dadurch verzerrt sind und Frauen schaden können. Das Buch «Invisible Women» von Caroline Criado-Perez kann ich sehr empfehlen.

Ihre Kolumne erscheint unter dem Hashtag #aufbruch: Zu was brechen Sie heute Freitag noch auf?
Meine neue Serie auf Instagram «Number of the Week» erscheint jeweils am Freitag. Die will ich noch posten.

Interview: Jrene Rolli / Foto: Peter Hauser

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