Im Fokus13. August 2018

Achtsamkeitsmeditation – unterschätzt bei Führungskräften trotz hoher Wirksamkeit

«Meditation» ist ein breit verwendeter Begriff, wird jedoch häufig als Privatangelegenheit verstanden und findet leider (noch) wenig Anerkennung im beruflichen Umfeld. Die Meditation löst bei vielen Führungskräften Skepsis aus und ist mit Vorurteilen behaftet. Es ist vielerorts noch wenig bekannt, dass der Stresslevel im beruflichen Alltag durch Meditation reduziert werden kann. Und dies letztlich eine bessere Distanz und Abgeklärtheit zu den Dingen fördert, damit bessere Entscheide gefällt werden. Gina Mehmann hat sich in ihrer Bachelor Thesis an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich mit dem Thema Achtsamkeitsmeditation und ihrem Nutzen für Führungskräfte in Schweizer Unternehmen beschäftigt.

Von Gina Mehmann und Urs Dürsteler [1]

Die positiven Effekte von Achtsamkeitsmeditation für das Unternehmen zeigen sich in einem besseren Umgang mit den eigenen Ressourcen. Daraus resultieren oftmals eine Reduktion der Fehlerhaftigkeit sowie betrieblicher Absenzen. Im Gegenzug fördert die Meditation eine bessere Konzentrationsfähigkeit. Verschiedene Studien zeigen auf, dass die regelmässige Anwendung von Meditationspraktiken messbare und nachvollziehbare Auswirkungen auf das Gehirn des Menschen haben. Es macht deshalb Sinn, die Methoden der Achtsamkeitsmeditation mit vergleichbaren Attributen wie Stressmanagement, Kreativitäts- und Konzentrationssteigerung beziehungsweise Leadership-Entwicklung zu verbinden. Eines der WHO-Ziele bis 2020 besteht darin, die psychische Gesundheit der Bevölkerung insgesamt zu verbessern. Wenn die Meditationspraxis weiterhin eine derartige Nachfrage aufweist, ist sie eine ergänzende Alternative zu den bereits bekannten Entwicklungs- und Therapieformen, um Führungskräfte und ihre Mitarbeitenden in einem immer anspruchsvolleren Arbeitskontext zu unterstützen.

Wie wirkt Meditation?

Eine der wegweisendsten Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte ist die medizinische und psychologische Einsicht, dass Geist und Körper keine getrennten Dimensionen darstellen. Beide sind vielmehr miteinander verbunden und bilden eine Einheit. In diesem Zusammenhang kam auch die Frage auf, welche Rolle das Gehirn übernimmt. Die Art, wie wir Dinge sehen oder auch nicht sehen, diese erfassen und für uns interpretieren, hat direkten Einfluss darauf, wie wir zum Beispiel unsere Probleme wahrnehmen oder mit Stress und Krankheit umgehen.

Inzwischen ist in der kontemplativen Neurowissenschaft erwiesen, dass sich das Gehirn ein Leben lang verändert und somit auch lernfähig bleibt. Im Weiteren ist bekannt, dass bestimmte Übungen und wiederholte Konfrontationen mit komplexeren Aufgaben die Fähigkeit des Gehirns und somit die Denkfähigkeit fördern. In der Meditation wird davon ausgegangen, dass sich beim Meditierenden eine höhere Entwicklungsstufe des Geistes entwickelt. Von der Epigenetik wissen wir, wie das menschliche Verhalten, die Erfahrungen, der Lebensstil sowie die innere Einstellung darauf Einfluss nehmen, welche Gene in den Chromosomen aktiviert oder deaktiviert werden. Diese Genmutationen haben direkten Einfluss auf die Entfaltung des Menschen, was wiederum Auswirkungen auf den Umgang mit den eigenen Emotionen und sozialen Beziehungen, die Motivation bei sich selbst sowie die Lernfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses hat. Kognitive Effekte der Meditation zeigen sich im Hinblick auf Wahrnehmungen, Konzentration und Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Kreativität, Empathie und Persönlichkeitsmerkmale. Und schliesslich sind die Telomere (Strukturelemente der DNA) zuständig für die Zellalterung. Sie haben einen hohen Einfluss auf die Lebenserwartung. Es ist erwiesen, dass für die Abnutzung der Telomere das Ausmass von Stress und den entsprechenden Umgang damit eine Rolle spielen. Wird in der Meditation gelernt, Stress besser abzubauen und zu regulieren, kann dies einen positiven Einfluss auf die Zellalterung haben.

Meditation – Ein Mittel mit vielen Kräften

In standardisierten Meditationskursen – wie zum Beispiel MBSR Mindfulness Stress Reduction – zeigen sich positive Effekte, in dem sich bei den Teilnehmenden eine Reduktion von Angstgefühlen, grüblerischen Gedanken und im Gegenzug eine Zunahme von Selbstfürsorge und Mitgefühl ergeben. Beim Stressmanagement geht es hauptsächlich um die Entspannungsreaktion, die durch die Meditation erreicht werden kann. Doch wird mit der Meditationspraxis weiter in die Tiefe gegangen, können auch Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur festgestellt werden. Deshalb kann Meditation einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Fähigkeit des richtigen Handelns für spezifische berufliche Herausforderungen zu fördern beziehungsweise zu erweitern.

Die Achtsamkeitsmeditation unterstützt Menschen darin, den Radius ihrer Wahrnehmung zu erweitern. Die Ich-Bezogenheit wird in der Meditationspraxis zunehmend relativiert, so wird der Blick des Menschen für seine Umwelt erweitert. Für Führungskräfte führt die bessere Aufmerksamkeit dazu, Mitarbeitende besser wahrzunehmen und damit die Potenziale und Fähigkeiten der Mitarbeitenden gezielt zu erkennen und weiter zu entwickeln. In Meetings und im Umgang mit Geschäftspartnern kann die Fähigkeit der Objektivierung und die weniger starke Ich-Bezogenheit zu mehr Win-Win-Situationen führen.

In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft stellen Kreativität und innovatives Handeln zentrale Kernkompetenzen dar, und zwar nicht nur bei Führungskräften. Damit Kreativität jedoch wirken kann, müssen die durch das Gehirn produzierte Denkautomatismen unterbrochen werden. Wie funktioniert dies? Durch regelmässiges Meditieren entsteht eine Leere beziehungsweise ein Freiraum, in dem Neues gedeihen kann. Das Denken kann in nicht wahrgenommene Dimensionen vordringen und richtet sich nicht automatisch an bereits Bekanntes. Unbewusst greift der Mensch häufig auf seine Intuition zurück, da die Menge an Informationen und die Schnelllebigkeit im Geschäftsalltag es nicht länger zulassen, ausschliesslich rationale Entscheidungen über Daten und Fakten zu treffen. Menschen mit einem wachen Gefühlserlebnis können sich ihrer Intuition noch stärker bedienen.

Signifikanter denn je ist heute die innere Stabilität von Führungskräften, denn sie sind einem ständigen Wandel ausgesetzt. Die zugänglichen Erfahrungen, die in der Stille gemacht werden, können hier als Ankerpunkt dienen. Der Meditierende lernt, dass alle äusseren Zwänge in ihrem Kern relativ sind. So bleibt die innere Stabilität kontinuierlich bestehen, und zwar unabhängig davon, was sich in der Aussenwelt abspielt.

Sanfter Ansatz für verbessertes Führungsverhalten

Die Meditation als Entwicklungs- und Regenerationstool wird in den Führungsetagen zum Teil sehr kritisch beurteilt, ist jedoch unbestritten. Der heutige Arbeitsplatz verlangt von allen Arbeitnehmenden, unabhängig der hierarchischen Stufe, Kreativität und Innovationsgeist sowie Empathie. Viele Führungskräfte sind zudem oft in einem Zustand der Unruhe wie auch der Überforderung. Ist die Achtsamkeitsmeditation die Lösung dieser persönlichen und beruflichen Herausforderungen? Sie ist eine Möglichkeit von Vielen. Die Achtsamkeitsmeditation hat eine glaubwürdige Chance, bei verschiedensten Herausforderungen im Führungsverhalten, wie zum Beispiel bei der Entwicklung von innovativen Ideen oder beim Gesundheitsmanagement der Mitarbeitenden, Anklang zu finden. Somit wird der Begriff weniger mit persönlichen Schwächen in Verbindung gebracht und bekannte Hemmschwellen können dadurch eher abgebaut werden.

Meditationsübungen

Einige Meditationsübungen, die täglich leicht durchgeführt werden können, helfen als ungezwungenen Einstieg in die Meditationspraxis.

 

Lese-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung

  • Kabat-Zinn Jon, Gesund durch Meditation (Das vollständige Grundlagenwerk zu MBSR)
  • Kahneman Daniel, Thinking, fast and slow (New York Times Bestsellers), 2013
  • Paul J. Kohtes / Nadja Rosmann, mit Achtsamkeit in Führung, was Meditation für Unternehmen bringt.
  • Mehmann Gina, Achtsamkeitsmeditation und ihr möglicher Nutzen für Führungskräfte in Schweizer Unternehmen (Bachelor Thesis, 2017)
  • Ulrich Ott, Meditation für Skeptiker, Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst.

 

[1] Gina Mehmann hat ihr Studium Bachelor Business Communications an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich abgeschlossen und arbeitet zurzeit als Sales Assistant bei Lombard Odier Investment Managers; Urs Dürsteler, Prof. Dr.oec. HSG, a. Prorektor der HWZ, arbeitet seit August 2016 als “Visiting Senior Research Scholar” an der University of California in San Diego (UCSD).

Gina Mehmann

Gina Mehmann

Portrait Urs Dürsteler

Prof. Dr. Urs Dürsteler

Ein Auszug der Bachelor-Arbeit steht unten zum Download bereit. Wenn Sie die ganze Arbeit lesen möchten oder weitere Fragen zur Bachelor-Arbeit haben, leiten wir Ihre Anfrage via hwzkommunikation@fh-hwz.ch gerne an Gina Mehmann weiter.

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