Portrait Borini Rino

Aktuell21. Februar 2017

Das neue Gold: Kundenschnittstellen

Gastbeitrag von Rino Borini – Die Digitalisierung erfordert von den Finanzunternehmen ein radikales Umdenken bezüglich Geschäftsmodellen und Kundenverständnis. Allem voran der Umgang mit Kundenschnittstellen wird die Entwicklungen der nächsten Jahre prägen.

Es ist nicht so, dass plötzlich alles anders wäre in der Finanzbranche. Die Kundenbedürfnisse sind an sich immer noch dieselben wie früher: Die Menschen wollen sparen, Vermögen aufbauen und anlegen, Geld überweisen, Hypotheken und Kredite aufnehmen. Was sich geändert hat, sind die Ansprüche an die Art, wie das geschieht: Die Dienstleistungen müssen einfacher, schneller, transparenter, fairer, günstiger sein – und vor allem digital angeboten werden. Ebenfalls neu ist, dass die grossen globalen Player immer mehr Konkurrenz erhalten: Entlang der Wertschöpfungskette nisten sich immer mehr Fintech-Startups und Branchenfremde ein, die das Geschäft vieler Banken substanziell bedrohen.

Ein Beispiel ist der Kioskbetreiber Valora, der Konsumkredite anbietet. In Deutschland sind beim Mobilfunkbetreiber O2 klassische Banking-Dienstleistungen erhältlich – Megabytes statt Magerzins sagt die Werbung. Dahinter steckt in beiden Fällen dieselbe Idee: Wenn man schon so direkt an der Kundenschnittstelle sitzt, muss man diese Position ausnutzen. Bei O2 sprechen wir von über 43 Millionen Kunden, mehr als jedes Bankinstitut in Deutschland. Und Valora zählt rund 900‘000 Kundenkontakte pro Tag.

«Offen, wenn Sie Zeit haben»

Der gemeinsame Nenner der neuen Dienstleistungen: Sie sind vor allem mobil – teils sogar komplett. So wie beim deutschen Fintech N26, das ausschliesslich mobiles Banking anbietet und damit grossen Erfolg hat. Innerhalb von zwei Jahren gewann das Jungunternehmen über 200’000 Kunden. Bedeutet dies das Ende der Filialen? Nein, wie die 2010 gegründete Challenger UK-Bank Metro beweist. Sie setzt nebst Mobilbanking auch auf ein Filialnetz. Doch im Gegensatz zu den etablierten Instituten sind die Filialen sieben Tage die Woche offen. «We’re open when you’re free», heisst es in der Werbung der jungen Bank. Diese Beispiele zeigen, worum es geht: Um den Kunden.

Die englische Wettbewerbsbehörde Competition and Markets Authority (CMA) hat das Retailbanking genauer untersucht und die Resultate anfangs August in einem Papier mit dem Titel «Making banks work harder for you» veröffentlicht. Sie stellen fest, dass die Kostenstrukturen für Retail- und Firmenkunden zu kompliziert und intransparent seien. Es sei es nach wie vor umständlich, ein Konto von einem Institut auf ein anderes zu übertragen. Durch diese hohen Wechselhürden seien Fintech-Startups benachteiligt, schreibt die CMA weiter. Das unmissverständlich formulierte Ziel der Behörde: «Wir reissen die Hürden nieder, die es den etablierten Banken zu leichtgemacht haben, ihre Kunden zu halten».

Die daraufhin eingeleitete Reform heisst: Open Banking API. Bis Anfang 2018 müssen die UK-Banken einen offenen Standard für Programmierschnittstellen (API) einführen. Dies ermöglicht es Kunden beispielsweise, ihre Konten bei verschiedenen Instituten in einer einzigen App zu verwalten, die Vermögen können beliebig hin- und hertransportiert werden. CMA fordert weiter, dass Kunden frühzeitig informiert werden müssen – beispielsweise per Push-Nachricht –, wenn sie Gefahr laufen, ins Minus zu wandern und damit verbundenen Schuldzinsen bezahlen müssten. Die CMA hält fest, dass UK-Banken in der Vergangenheit durch Kontoüberziehungen bis zu 1,2 Milliarden Pfund pro Jahr einsammelten. Aber auch Preis- und Kostenvergleiche sollen dadurch einfacher und transparenter durchgeführt werden können. Ein Game-Changer.

Das neue Gold: Kundenschnittstelle

Eine ähnliche Initiative startet 2018 im EU-Raum mit der Einführung der überarbeiteten Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2). Damit stellt die EU die Weichen für «Open Banking». PSD2 wird Drittanbietern und Fintechs den Zugang zu Kundendaten und Bankinfrastrukturen entscheidend erleichtern. Mit dieser neuen Richtlinie entstehen ganz neue Spielregeln. So müssen EU-Banken Drittanbietern Konto- und Zahlungsdaten gewähren und ihnen die Möglichkeit geben, Zahlungen im Auftrag des Kunden auszuführen – sofern dieser dies wünscht, versteht sich. Das sorgt nicht überall für Freude: Gemäss einer Studie des Strategieunternehmens PwC Strategy& befürchten 68 Prozent der Banken den Verlust der Kundenschnittstelle.

Noch spannender ist der Folgeschritt: Fintechs können auf dieser Basis neue Produkte und Services entwickeln, beziehungsweise altbekannte Dienstleistungen verbessern. Dasselbe steht natürlich auch den etablierten Banken offen. Letztlich wird sich sich der Kunde ohne grossen Aufwand die attraktivsten Angebote heraussuchen können. Umso wichtiger ist es, an den Schnittstellen gut vertreten zu sein.

Innovation ermöglichen

Auch hierzulande wird kräftig an den Rahmenbedingungen geschraubt. Der Bund will einen Innovationsraum schaffen, die sogenannte Sandbox. In diesem Übungsfeld kann ein Fintech Publikumseinlagen bis zu einem Gesamtwert von einer Million Franken entgegennehmen. Die Geldwäschereibestimmungen gelten natürlich auch in diesem Innovationsraum. Das gehört zum Spiel.

Ein weiteres Element sind Fintech-Lizenzen, die von der Finma erteilt werden können. Bis anhin war eine Banklizenz auch dann Voraussetzung, wenn das Unternehmen kein bankentypisches Aktivgeschäft mit Fristentransformation ausübte. Das ist mit hohen Kosten verbunden. Mit einer Fintech-Lizenz dagegen soll das Mindestkapital fünf Prozent der entgegengenommenen Publikumseinlagen betragen, mindestens 300 000 Franken. Die von Anbietern mit Fintech-Lizenz entgegengenommenen Publikumseinlagen dürfen den Wert von 100 Millionen insgesamt nicht überschreiten. Mit diesen Veränderungen geht die Schweiz einen Schritt weiter als die Konkurrenten in England oder Singapur. Denn der Sandkasten steht allen offen und ohne Überwachung durch die Finma. Die Banklizenz light folgt einem «one-size-fits-all»-Ansatz. Das bedeutet: Eine Bewilligung ist nicht an ein spezifisches Geschäftsmodell geknüpft. Dieses Massnahmenpaket wird voraussichtlich im Spätsommer oder Herbst 2017 in Kraft treten.

Dass Banking in zehn Jahren komplett anders aussehen wird als heute, ist unbestritten. Die Frage ist jedoch, welche Rolle die Schweiz im globalen Fintech-Ökosystem einnehmen wird. Um eine Führungsrolle spielen zu können, müssen die Weichen jetzt weiter richtiggestellt werden – mit Mut. Digitalisierung kennt keine Landesgrenzen, sie funktioniert international. Zudem sind die meisten der Geschäftsmodelle international skalierbar – wer den Anfang verschläft, dürfte es schwer haben, den Rückstand später wieder aufzuholen.

Und das alles gilt für etablierte Banken gleich wie für Fintech Unternehmen. Wer nicht spurt, wird früher oder später platt gemacht. Kodak, Kuoni, Nokia und viele mehr lassen grüssen.

An der schweizweit führenden Finance 2.0 Konferenz wird genau über solche Themen diskutiert. In naher Zukunft verfügen Herr und Frau Schweizer über digitale Identitäten. Damit wird Banking nochmals einfacher, auch für Nicht-Banken bieten sich komplett neue Chancen.

 

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Rino Borini ist Co-Gründer der financialmedia AG in Zürich. Das Medienhaus gibt unter anderem das Wirtschaftsmagazin PUNKT heraus. Borini ist Mitinitiant der führenden FinTech und InsurTech Plattform «Finance 2.0». Zudem hat er den ersten Lehrgang CAS Digital Finance an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich entwickelt und leitet diesen als Studiengangsleiter.

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