Im Fokus11. Juli 2019

Delila Kurtovic: mutig, bewegend und unkonventionell

Delila Kurtovic ist eine Frau der Taten. Sie schloss das Business-Communications-Studium mit dem Bachelor ab, gab ihre Position bei der Credit Suisse auf und ging in die Demokratische Republik Kongo. Dort baute sie ein Café und ein Microfinance-Projekt für Frauen auf. Dann ging es nach Athen und mit dem MBA der dortigen Uni im Gepäck, ist sie zurück. Nun ist sie Head of Marketing & Comms von Too Good To Go. Mehr zu diesem spannenden Werdegang und den Beweggründen von Delila Kurtovic gibt’s hier im Interview.

Von 2009 bis 2013 hast du den Bachelor Business Communication an der HWZ absolviert. Mit welchem Ziel hast du dieses Studium in Angriff genommen?

Mir war schon früh klar, dass Marketing & Comms mein Ding sind und dass ich mich in diesem Bereich weiterentwickeln möchte. Weil ich dazu noch arbeiten wollte und es mich als St. Gallerin ins Herz von Zürich zog, war es ziemlich schnell klar, dass die HWZ der richtige Ort für mich ist. Und ich habe es bis heute nicht bereut: Der Bachelor in Kommunikation hat mir die Türen für meinen Karriereeinstieg bei der Credit Suisse geöffnet und mir das Know-how für meine Zukunft in der Branche vermittelt.

Was hast du danach beruflich gemacht?

Während dem Studium schon habe ich dann bei der Credit Suisse in der Branding Abteilung als Junior angefangen und das Team bei grossen Kampagnen unterstützt und kleinere Kampagnen selber umgesetzt. Nach dem Studium dann nahm ich sechs Monate unbezahlten Urlaub und habe 10 Länder in Asien bereist. Nach meiner Rückkehr hatte ich dann die Chance mich im selben Team weiterzuentwickeln und habe eine Stelle als Projektleiterin im Global Advertising erhalten. Der Job war inhaltlich sehr breit gefächert: Creative & Media Strategy, Research, Produktion, Execution usw. auf nationalem und globalem Level und ich konnte wirklich sehr viel lernen und habe früh Verantwortung für grosse Budgets getragen.

Dein weiterer Werdegang hat dich nach Kinshasa, Demokratische Republik Kongo geführt. Wie kam es dazu und was hast du dort aufgebaut?

Bald nach meiner Rückkehr hat es mich wieder in die Ferne gezogen. Und da war diese grosse Sehnsucht nach mehr Sinnhaftigkeit in meinem Leben. Ich habe also angefangen, nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten und hatte die Chance durch persönliche Kontakte im Land ein Visum für die Einreise in die Demokratischen Republik Kongo zu erhalten, was nämlich gar nicht so einfach ist. Also habe ich mit zittrigen Knien meinen Job gekündigt, meine Wohnung aufgelöst und bin nach Kinshasa, ohne wirklich grosse Pläne zu haben. Sehr schnell habe ich dann ein Café eröffnet, um mir die Zeit zu vertreiben und auch, weil ich Potential im nachhaltigen Anbau von Kaffee im Land sah – da gibt es wirklich super Kaffee.

Irgendwann wurde mein Sonntag zum Kirchentag, obwohl ich nicht religiös bin. Aber es gab sonst nicht viel zu tun und meine Bewegungsfreiheit war sehr eingeschränkt, da es schlicht zu gefährlich war. Wir haben viel gesungen und musiziert, was ich als kulturelle Bereicherung empfand. Dadurch habe ich viele Frauen in der Community kennengelernt, und viele waren selbstständig oder wollten sich selbstständig machen, es fehlte ihnen jedoch an den finanziellen Mitteln dazu. «Ich könnte so einfach helfen», dachte ich und habe nicht lange überlegt und einen Pilot mit zehn Frauen gestartet: Ich habe ihnen Kleinstbeträge geliehen und sie dabei beraten, wie sie ihr Geschäft auf- oder ausbauen können. Und es hat funktioniert! Alle konnten das Geld schon nach zwei Wochen zurückzahlen und es war ihnen wirklich geholfen. Einer Frau zum Beispiel fehlte es an Geld, um grössere Mengen Fisch einzukaufen, die sie dann weiterverarbeitete und verkaufte. Die Dame war täglich ausverkauft, sie brauchte also mehr Fisch. Doch nur schon der Transport bis zum Fleuve Congo, wo sie jeweils den Fisch bezog, kostete sie einen grossen Teil ihrer Einkünfte. Durch die einmalige Geldsumme konnte sie auf einen Schlag grössere Mengen an Fisch kaufen und lagern, so mehr verkaufen, ihre Einkünfte erhöhen und sparte zusätzlich noch das Transportgeld zum Fleuve Congo. Anderen fehlte es an einfachen Dingen wie einem Kühlschrank, um Getränke zu ihrem Essen verkaufen und so ihren Gewinn beträchtlich steigern zu können.

Das Projekt war mir eine Herzensangelegenheit, ich habe viel Zeit investiert um es aufzubauen. So konnten wir insgesamt 70 Frauen beraten und begleiten. Natürlich war das Ganze nur ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn man sich die prekäre Situation im Land anschaut. Aber den Frauen war damit geholfen, und ihre Geschichten und Schicksale haben mich sehr geprägt.

Du hast aber nicht nur dein eigenes Business aufgebaut, sondern auch weiteres Wissen. Erzähl uns doch auch davon:

Mein Wunsch nach einem MBA war schon lange da. In Kinshasa dann habe ich viele Fehler gemacht beim Aufbau des Cafés – sei dies in Kollaboration mit Lieferanten, beim Aussuchen der richtigen Rezepte, beim Berechnen der Margen usw. Mir wurde sehr schnell klar: Ich habe mich da auf etwas eingelassen, wovon ich wirklich noch zu wenig weiss: Geschäftsführung. Und da die Situation in Kinshasa brenzlig und auch sehr tragisch wurde, musste ich das Land, das Projekt und das Café schweren Herzens verlassen. Es war keine einfache Entscheidung, aber ich musste mich neu orientieren – und entschied mich, vorerst nicht in die Schweiz zurückzukehren und mich für MBA Programme überall in Europa zu bewerben. Ich wurde dann an der Wirtschaftsuni in Athen angenommen und es war die richtige Entscheidung. Das MBA Programm war eine grosse Herausforderung und intensiv, aber unglaublich lehrreich – ich würde es jedem angehenden Entrepreneur weiterempfehlen.

Seit Anfang Jahr arbeitest du für Too Good To Go und bist dort Head of Marketing & Comms. Wie bist du zu dieser Stelle gekommen?

Too Good To Go ist eine Bewegung, die sich gegen Food Waste einsetzt. Und unser  Business Model ist einfach genial: Über eine gratis App verbinden wir Nutzer mit Betrieben, damit sie gemeinsam Lebensmittel retten können und alle Beteiligten profitieren: Der Betrieb verdient noch etwas dazu, hat einen neuen Absatzkanal und Potential für Up- und Crossselling. Die Nutzer können leckeres Essen zu einem attraktiven Preis beziehen und neue Läden ausprobieren, und das wichtigste von allem ist: Food Waste wird reduziert und so die Umwelt geschont. Wir haben in der Zwischenzeit in der Schweiz schon über 320’000 Mahlzeiten gerettet – das sind beeindruckende 812 Tonnen CO2, die wir einsparen konnten, und es werden täglich mehr.

Letzten Sommer lernte ich Lucie Rein, die Gründerin von Too Good To Go Schweiz kennen. Sie war damals noch eine «Ein-Mann-Show» – und ich natürlich sofort Feuer und Flamme für das Projekt, aber noch mitten im MBA Programm. Sobald ich dann das Programm abgeschlossen hatte, stieg ich bei Too Good To Go ein. Mittlerweile sind wir schon vierzehn Waste Warrior im Team und haben grosse Pläne für die Schweiz!

Was liebst du an deinem Job besonders?

Wir ändern die Spielregeln des Markts mit Too Good To Go und das ist unglaublich aufregend! Vor allem aber widme ich meine Zeit einer sehr sinnvollen Tätigkeit: ich bekämpfe Food Waste und trage so dazu bei, die wertvollen Ressourcen unseres Planeten zu schonen. Mittlerweile sind wir eine globale Bewegung: Too Good To Go gibt es bereits in 11 Ländern, wir haben mehr als 10 Millionen registrierte User und über 12’000 Betriebe, die mitmachen. Teil von etwas so Grossem zu sein ist sehr erfüllend. Es verlangt einem viel ab, sich in einem Markt zu etablieren, aber wenn wir dann sehen, wie viel Anklang unsere App findet und mit welcher Freude sich unsere Nutzer und Partner für die Umwelt einsetzen, dann macht uns das schon sehr happy als Team. Dazu kommt noch, dass die App für uns erst der Anfang ist – wir nutzen die Plattform dafür, viel Aufmerksamkeit für das Problem Food Waste zu generieren, um so langfristig etwas in den Köpfen der Menschen zu verändern. Denn es gibt noch viel zu tun – weltweit landet immer noch 1/3 aller produzierten Lebensmittel in der Tonne. Und: wäre Food Waste ein Land, wäre es der grösste CO2 Emittent nach den USA und China.

Zur Person

Delila Kurtovic hat 2013 erfolgreich ihr Studium mit einem Bachelor in Business Communication ZFH an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich abgeschlossen. Nach mehrjähriger erfolgreicher Tätigkeit, zuletzt als Advertising Project Manager bei der Credit Suisse, zog es Delila Kurtovic nach Kinshasa. Dort baute sie ein Café und ein Microfinance-Projekt auf, dass sie dann an Partner vor Ort übergeben hat. Danach ging es für Kurtovic weiter nach Griechenland, wo sie das Internationale MBA Programm der Athens University of Economics and Business absolvierte. Wieder zurück in der Schweiz rettet sie als Head of Marketing & Comms des Start-ups Too Good to Go Lebensmittel.

 

Verpassen Sie nichts! Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Der Newsletter informiert Sie über die aktuellen Trends, News und Events an der HWZ.

Jetzt anmelden