SIB-Direktor Michel Vinzens

Im Fokus17. Januar 2018

Digital Learning 4.0 erfasst den Bildungsbereich

Die Hauptaufgabe einer Schule kann es nicht mehr sein, BWL-Wissen einfach nur zu vermitteln, meint Michel Vinzens, Direktor des SIB Schweizerisches Institut für Betriebsökonomie. In einer Zeit, in der Wissen im Netz frei und schnell verfügbar ist, müssen Bildungsinstitute vielmehr aufzeigen, was relevantes Wissen ist, wie man damit umgeht und wie die erfolgreiche Übersetzung in die Praxis, also die Anwendung, funktioniert. Nach seinem Besuch des Academy-Seminars Digital Learning 4.0 haben wir uns mit ihm unterhalten.

Was hat Sie bewogen, das Seminar Digital Learning 4.0 zu besuchen?

Michel Vinzens: Die Digitalisierung hat einen vehementen Einfluss darauf, welche Themen in Zukunft in der Betriebswirtschaftslehre unterrichtet werden müssen und auch wie diese im Unterricht vermittelt werden. Letzteres erfasst alle Bildungsinstitutionen. Es wäre fahrlässig, uns dieser Thematik zu verschliessen.

Was haben Sie gelernt?

Angefangen damit, welche Lernformen die Zukunft bringen wird, über Bildungsdesigns, die eine gewichtigere Rolle spielen werden, bis hin zu einer Übersicht der konkreten Tools und deren Anwendung. Hier haben wir handfeste Inputs erhalten, welche wir in die SIB-Unterrichtsgestaltung einfliessen lassen werden.

War Ihr Interesse auf den Vermittlungsbereich beschränkt oder ging es auch darum, Einsichten für das SIB als Organisation zu gewinnen?

Das SIB ist ein Unternehmen, das am Markt agiert. Es ist überlebenswichtig, sich ständig auf den Markt auszurichten und dessen Entwicklungen aufzunehmen. Mit dieser Fragestellung befasst das SIB sich täglich. Natürlich regte das Seminar uns auch an, allgemeiner über andere Themen der Digitalisierung – über das Lernen hinaus – nachzudenken.

Die Studie Digital Switzerland stellt fest, dass 87% der befragten Schweizer KMU als Digitale Dinosaurier einzustufen sind und dies insbesondere auf kleine Unternehmen zutrifft. «Die Studie zeigt, dass viel Potenzial ungenutzt bleibt, aber gleichzeitig eben auch ein Ressourcenproblem besteht, um die digitale Transformation voranzutreiben», sagt Manuel Nappo, Leiter des Institute for Digital Business der HWZ.

Ein KMU, das sich auf dem freien Markt zwischen Mitbewerbern bewegt und keine Ressourcenprobleme hat, das hat wohl zu tiefe Zielsetzungen oder macht generell etwas falsch (lacht).

Die Digitalisierung bringt viele Veränderungen mit sich: Die Innovationszyklen werden kürzer, das Tempo ist rasant. Darum kann man diesem Satz nicht widersprechen. Ein Dinosaurier sind wir jedoch nicht, denn wir haben schon viel unternommen. So haben wir z.B. eine Lern-App oder eine eigene Lernplattform entwickelt. Zudem sind wir mit flexiblen Systemen ausgerüstet und auch organisatorisch flexibel aufgestellt, sodass wir uns schnell an neue Situationen anpassen können. Die Digitalisierung ist ein stetiger Weggefährte.

Jedoch nicht nur die Geschwindigkeit zählt: wie viel Veränderung überhaupt umsetzbar ist und es tatsächlich braucht – die Balance zu finden, die gezielte Allokation der Mittel ist die hohe Kunst der Unternehmensführung.

Sie waren ja nicht der einzige Teilnehmer aus dem SIB …

Genau, denn dieses Thema betrifft alle in unserem Unternehmen. Für den Fortschritt, für die Weiterentwicklung sind alle verantwortlich. Alle Mitarbeitenden im Unternehmen müssen bedacht sein, nicht stehen zu bleiben und stetig mitdenken, mitzuwirken. Und da hat das SIB Glück – wir verfügen über eine hohe «Schwarmintelligenz» bei uns im Unternehmen.

Für Sie liegt die Herausforderung im didaktischen Bereich. Wie schätzen Sie das für die Bildungsbranche im Wirtschaftsbereich im Allgemeinen ein?

Ein grosses Thema ist der Aktualisierungsbedarf von Lehrmitteln. Früher konnte man das gleiche Lehrmittel über mehrere Jahre einsetzen – Papier war geduldig, auf digitale Zeilen wartet man nicht! Ohne Druckkosten gibt es heute keinen Grund, Neuerungen nicht umgehend einfliessen zu lassen. Das macht den Bildungsinhalt bewegungsintensiver. Einerseits müssen wir die bestehenden Lehrgänge in kürzeren Zyklen schneller weiterentwickeln, was wir z.B. mit den SIB-Specials mit dem Thema «Digital Business» oder «Digital Marketing» für die Diplomlehrgänge gemacht haben. Anderseits braucht es aber auch gänzlich neue Lehrgänge. So hat das SIB zum Beispiel den Lehrgang Chief Digital Officer lanciert: Die Anforderungen des Arbeitsmarkts sind entwicklungsintensiv. Auch die Art der Vermittlung, das Lerndesign, ändert sich aufgrund neuer Möglichkeiten. Lernvideos gewinnen zum Beispiel an Einfluss. Auch das Einbinden von Tools wird didaktisch wichtiger. Das Lernverhalten verändert sich. Es gäbe noch vieles mehr …

Zurück zum Seminar: Wurden Ihre Erwartungen an das Seminar erfüllt?

Definitiv. Die Theorie half sicher mit, die richtigen Fragen aufzudecken, wie das Lern-Setting in Zukunft gestaltet werden muss. Im praktischen Teil haben wir einen guten Überblick über die wichtigsten Didaktik-Tools gewonnen und einige gerade selbst ausgetestet. Gerade die Anwendung war für mich persönlich sehr wichtig, um den Nutzen der Tools tiefgreifender zu verstehen.

Im Seminar wird auch die alte und neue Lernwelt thematisiert. Was kommt, was bleibt aus der «alten» Welt?

Das Positive an der alten Lernwelt war ihre Konstanz und die damit verbundene geprüfte Stabilität, was auch teilweise zu einem gefestigteren Verständnis geführt hat. Die grosse Stärke der modernen Lernwelt ist, dass sie mehr Möglichkeiten und Abwechslung bietet, flexibler ist. Stichwort: Methodenvielfalt. Wir haben nun noch mehr Möglichkeiten, die verschiedenen Sinne des Menschen anzusprechen und den unterschiedlichen Lerntypen gerecht zu werden

Wichtig ist: das Klassische darf nicht gegenüber dem Digitalen ausgespielt werden, sondern muss komplementär behandelt werden. Es gilt, die vielfältigen Möglichkeiten im Lernprozess passend zu kombinieren.

Inwiefern hat sich dadurch die Aufgabe eines Bildungsinstituts geändert?

Die Hauptaufgabe einer Schule kann sich nicht darauf beschränken, Wissen nur zu vermitteln. Ein paar Schlagworte und man erhält einen Berg an Informationen. Darum ist die Aufgabe einer Schule aufzuzeigen, was relevantes Wissen ist und wie man damit umgeht, wie und wann man es anwendet.

Das erfordert mehr Feedback und führt dazu, weniger zu dozieren, dafür stärker zu begleiten. Ich bin der Überzeugung, dass dies noch wichtiger werden wird. Ein Beispiel: Hätte man Sie früher gefragt, welches Tier drei Herzen hat, hätten Sie vermutlich sehr lange gesucht. Sie hätten dazu stundenlang die Bibliotheken durchforstet – heute wissen wir es dank einer Internetsuche innert Sekunden.

Und um welches Tier handelt es sich denn nun?

Nebensache. Die Antwort ist schnell gefunden. Die Frage ist, was machen wir in der Praxis mit dem Wissen. Wichtig ist das Bewusstsein, wie schnell und frei der Zugang zu Wissen heute ist und sich damit die Anforderungen an Schulen verändert.

Kommen wir abschliessend nochmals zum Thema Weiterbildung. Wie sieht das bei Ihren Mitarbeitenden und Dozierenden aus?

Falls Mitarbeitende sich weiterbilden wollen, bieten wir ihnen oft die Strukturen, diesen Wunsch zu erfüllen und weiter in unserem Unternehmen tätig zu bleiben. Es steht unseren Mitarbeitenden natürlich auch offen, das Angebot des SIB zu nutzen.

Für Dozierende haben wir neu eine Weiterbildungskooperation mit einem didaktischen Institut aufgebaut. Auch bieten wir für unsere Dozierende interne Schulungen an. Eine dieser kommenden Schulungen soll das vermitteln, was wir unter anderem auch im Academy-Seminar Digital Learning 4.0 gelernt haben.

Das freut uns! Vielen Dank und viel Erfolg.

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