«The biggest risk is to take no risk»

24.10.2017

An der 67. Handelstagung des GDI Gottlieb Duttweiler Institute gab es einen Referenten, auf den wir uns besonders freuten: Daniel Grieder, CEO von Tommy Hilfiger Global und PHV Europe. Wieso? Er ist ein Alumni unserer Hochschule, denn er besuchte die HWV, die heutige HWZ. Trotz vollem Terminplan fand er Zeit, mit uns über seine Studienzeit, Entrepreneurship und seinen persönlichen Führungsstil zu reden.

Daniel Grieder, CEO Tommy Hilfiger Global und PHV Europe

Für die eiligen Leser: Die 5 Essentials von Daniel Grieder, CEO Tommy Hilfiger

  • «The biggest risk is to take no risk» – Fehler machen gehört dazu. Ansonsten gibt es keinen Fortschritt.
  • «Daten bedeuten eigentlich nichts anderes, als den Leuten zuzuhören.» – Intuition und Daten schliessen sich nicht aus. Zum Schluss gilt es eine Entscheidung zu treffen, zu der man steht.
  • «Make the impossible possible» – Durchhalten und mit Leidenschaft die Extrameile gehen, um ans Ziel zu gelangen.
  • Empowerment: «Ich übergebe gerne Verantwortung … Ich verlange ‹Entrepreneurial Spirit›, ich mag Leute, die ‹bold› sind und Entscheidungen treffen, diskutieren und umsetzen.»
  • Weiterkommen mit praxisorientierter Bildung: «Schulen, die diese Mischung anbieten, also berufsbegleitendes studieren, bringen einen absoluten Mehrwert.

An was denken Sie, wenn Sie an ihre Studienzeit an der HWV, der heutigen HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich, zurückdenken?

Daniel Grieder (beginnt zu lachen): Vorhin habe ich gerade einen ehemaligen Studienkollegen getroffen, der meinte, dass wir wirklich eine tolle Zeit an der HWV hatten. Ein schönes Leben: wir haben nicht viel gemacht und sind zur Schule gegangen. (Lacht ansteckend). Und dann fügte er an: «Vor allem du, du hast so eine Ruhe ausgestrahlt!» Ich muss gestehen, ich war nicht so ein fleissiger Schüler. Aber dennoch habe ich wahnsinnig viel an der HWV gelernt. Allem voran: praktisch zu denken und handeln. Ich habe damals die Nachmittagsschule besucht und vormittags gearbeitet. Alles, was ich an der HWV lernte, konnte ich am nächsten Tag praktisch anwenden. Ich glaube, dass dieser Praxistransfer oftmals zu wenig gefördert wird. Schulen, die diese Mischung anbieten, also berufsbegleitend studieren, bringen einen absoluten Mehrwert. Das finde ich unglaublich wichtig für das spätere Berufsleben.

 

Was hat Sie dazu bewogen, dass Sie sich für die HWV entschieden haben?

Ich habe das KV gemacht, anschliessend die BMS und dann bin ich ins Ausland und schliesslich an die HWV. Der Drang mich weiterzuentwickeln, hat mich dahin geführt. Ich hatte mich zu dieser Zeit schon selbstständig gemacht. Aber Bildung und dass ich von Praktikern geschult werde, war mir ein Anliegen. Ich bin nicht so der Typ, der sich alles im Selbststudium erarbeitet. Ich muss sagen, ich hatte eine wunderbare Zeit. Ich denke gerne daran zurück.

Die wichtigen Sachen haben Sie aber mitgenommen …

(lacht) Ja, in der Tat. Das lag daran, dass ich das Gelernte stets praktisch anwenden konnte.

Sie haben sich ja schon in der Studienzeit mit ihrer Modeagentur selbstständig gemacht – ein klassischer Entrepreneur. Wie bringen Sie diese Fertigkeiten als CEO in ein weltweit operierenden Textilunternehmen ein?

Mein Weg war für mich die beste Ausbildung, die ich hatte. In unseren Values (die von Tommy Hilfiger, Anmerkung der Red.) ist einer «Entrepreneurial Spirit». Sie sehen, das unternehmerische Denken liegt mir am Herzen, ich halte es für eine der allerwichtigsten Fähigkeiten. Als Selbstständiger mit einer kleinen Firma ist es eigentlich das Gleiche wie mit einem Konzern: Man ist verantwortlich für HR, Lager, Verkauf, Einkauf, Buchhaltung usw. – man macht also alles. Jetzt habe ich zwar Personen, die diese Bereiche betreuen und die Zahlen haben ein paar Nullen mehr am Ende, aber das Prinzip ist dasselbe. Die Tatsache, dass ich in jeden Bereich Einblick hatte, ist das, was mir geholfen hat. Heute haben Sie zahlreiche Personen, die Karriere in einem spezifischen Bereich gemacht und die anderen Bereiche eines Unternehmens nicht erlebt haben. Wenn solche Leute CEO werden, fehlt denen in meinen Augen die Praxis aus den anderen Unternehmensbereichen. Ich bin durch und durch praktisch aufgewachsen, habe eine praktische Schule besucht und immer alles praktisch umgesetzt. Das ist mir heute eine unglaublich grosse Unterstützung.

Sie haben erwähnt, dass Sie «Modern Pioneers» für Tommy Hilfiger gewinnen wollen. Wie wissen Sie, ob jemand einer ist und wie wählen Sie diese aus?

Das Persönliche ist mir extrem wichtig. Darum stehe ich auch dazu, dass ich ein schlechter Schüler war. Es geht nicht um Noten. Lieber habe ich eine Person, die schlechte Noten im Zeugnis hat, aber als Mensch begeistert: Eine Person, die gut auftreten kann, gut redet und Leute begeistert, als jemand der nur 6er hat und kaum einen Ton rausbringt. Das hat man früher viel zu wenig berücksichtigt. Jemand, der hungrig und umsetzungsstark ist, diskutiert und Entscheidungen trifft und dann umsetzt – das ist, was für mich zählt.

Sie sprechen damit auch das Mindset an. Sie sagten einst, dass Sie von Tommy Hilfiger gelernt haben, zuzuhören, was die Märkte wollen. Und dann wird das umgesetzt, was man selber gut findet. Auch Ihre Biografie zeigt, dass Sie mit Ihrer Intuition richtig lagen indem Sie u.a. früh auf Pepe Jeans setzen und Tommy Hilfiger nach Europa brachten. Gleichzeitig haben Sie in der heutigen Präsentation die Wichtigkeit der Daten angesprochen. Wie gehen Intuition und Daten zusammen?

Was Tommy gesagt hat und was auch ich finde, ist man soll zuhören. Daten bedeuten eigentlich nichts anderes als den Leuten zuzuhören. Man erhält das heute direkt vom Endkonsumenten. Wird heute einer unserer Stores betreten, dann wissen wir wer drin ist, wie lange diese Person sich an den jeweiligen Regalen aufhält. Wir erfahren ihre gesamte Verweildauer und was sie einkauft. All diese Daten, also Informationen – erhalten über Handys (RFID) – analysieren wir.

Früher ging Tommy auf die Strasse und fragte die Leute, was sie gerne tragen wollten und worin sie sich wohlfühlten. Es ist also nichts anderes, nur dass wir die Informationen nun digital einholen. Es ist wie bei der Formel Eins: Dort werden Daten gesammelt, jede Sekunde, wie wurde gefahren – einfach alles wird abgerufen. Aber im Anschluss geht es eben darum von diesen Daten das umzusetzen, wo man spürt, dass es Potenzial hat. Sie können dem Fahrer sagen, dass er das Auto auf eine bestimmte Art einstellen muss. Fühlt er sich damit aber nicht wohl, dann wird er nicht gewinnen. Genau so ist es bei uns. Wir erfassen Daten und entscheiden intuitiv, was Sinn macht. Bei der Interpretation der Daten sind dann eben die Führungsqualitäten gefragt, denn hinter diesen Entscheidungen gilt es dann zu stehen. Ich setze nicht alles um, was ich aus den Daten erhalte, sondern nur das, woran ich glaube. Denn ich kann nichts machen, hinter dem ich nicht stehen kann. Wenn dann mal etwas in die Hose geht, ist es nicht schlimm. Man muss sich eingestehen, dass es eine falsche Entscheidung war und dann aber nach vorne schauen und neue Entscheidungen treffen. Das akzeptiere ich auch bei meinen Mitarbeitenden. Sie dürfen Fehler machen.

Pflegen Sie also eine sanktionsfreie Fehlerkultur?

Ja, absolut. Selbstverständlich soll nicht dreimal der gleiche Fehler begangen werden. Fehler machen gehört aber dazu. Weil, wenn man keine Fehler machen darf, passiert auch nichts. Ein Macher begeht vielleicht mehr Fehler, aber das ist mir dennoch lieber. Schliesslich heisst es bei uns nicht umsonst «The biggest risk is to take no risk».

Als weltweit operierendes Unternehmen müssen Sie stets die lokalen Märkte berücksichtigen. Wie begegnen Sie den unterschiedlichen Kulturen?

Das ist eine riesige Herausforderung. Hier sind wir extrem gefordert, auch mit den Mitarbeitenden. Wir sind über 60 verschiedene Nationen an unserem Hauptsitz in Amsterdam. Es ist natürlich eine Challenge, aber es macht Spass und es ist die heutige Welt. Wir sind eine internationale Firma und darum haben wir auch verschiedene Kulturen. Das hilft uns auch diese besser zu verstehen. Als internationale Marke muss man das auch berücksichtigen.

Denken Sie beispielsweise die Werbung. Gigi Hadid (Topmodel, das mit Tommy Hilfiger gemeinsame Kollektionen unter dem Namen TOMMYXGIGI lanciert) können wir im Mittleren Osten keinesfalls so freizügig zeigen wie beispielsweise im amerikanischen Markt, denn sonst würden wir die dortigen Kunden vor den Kopf stossen.

Die kulturellen Unterschiede darf man wirklich nicht unterschätzen: Make or break the brand. Wir versuchen dem respektvoll gegenüberzutreten. Natürlich machen wir auch nicht immer alles richtig, aber auch hier sammeln wir Informationen und Daten zu den verschiedenen Kulturen.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil, was sind Ihre Führungsprinzipien?

Mein Führungsstil ist ein bisschen alles von dem, was ich gesagt habe. Ich verlange «Entrepreneurial Spirit», ich mag Leute, die «bold» sind und Entscheidungen treffen, diskutieren und umsetzen. Um den Brei herumreden liegt mir nicht, ich bin sehr direkt und offen. Ich empowere meine Mitarbeitenden. Ich übergebe gerne Verantwortung – hier sind wir dann wieder beim «Entrepreneurial Spirit» – und ganz wichtig immer mit Respekt. In meinem Unternehmen wird nicht geschrien, es wird nicht belästigt, sondern ein respektvoller Umgang wird gepflegt. Und schliesslich hat man dabei eine Menge «Fun». Feiern gehört dazu und das mache ich gerne mit meinen Mitarbeitenden, allerdings wird am nächsten Tag dann auch wieder gearbeitet. Der soziale Aspekt darf schliesslich nicht zu kurz kommen.

Welchen Rat haben Sie für unsere heutigen Studierenden?

Ich würde es mit meiner Lieblingsaussage «Make the impossible possible» halten. Viele geben heutzutage zu früh auf. Wenn man Leidenschaft und ein Ziel hat, muss man dieses einfach verfolgen, dafür kämpfen und sich einsetzen – mit der Bereitschaft den Extraschritt zu gehen. Hungrig sein und nicht zu früh aufgeben. Es ist wie im Sport, wenn man gewinnen will, dann muss man mehr leisten. Dann wird man es schaffen und macht das Unmögliche möglich. An das glaube ich, denn das hat mich getrieben und treibt mich heute noch an.

 

Herzlichen Dank!

(Interview: Aline Theiler, Corporate Communications Manager & Dr. Daniel C. Schmid, Leiter Academy, Career & Talent Services)

 

Beitrag Eco SRF über Daniel Grieder / 16.10.2017