Shift 2019: Business ohne Grenzen?

Im Fokus21. März 2019

Shift 2019: Ethik im Fokus oder Business ohne Grenzen?

Am 28 Februar fand im X-TRA in Zürich die erste Durchführung der Shift, der Konferenz für digitale Ethik, statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom HWZ Alumna und Gründerin des Center for Digital Responsibility Cornelia Diethelm, die Hochschule für Wirtschaft Zürich war als Bildungspartner der Konferenz vor Ort.

Einen ersten Einblick, was mit den digitalen Technologien bereits möglich ist, gab Markus Gross, Director of Disney Research Zürich. Technologie treibt das Storytelling voran und die Animationskünstler von Disney werden dabei von ihrem Lab in Zürich unterstützt, damit die Effekte auch den physikalischen Gesetzen entsprechen. So wurde der Schnee des Animationsfilms «Frozen» beispielsweise dem Verhalten von Schweizer Schnee nachempfunden.

Er zeigte auch auf, dass die Taktik einer Fussballmannschaft mit künstlicher Intelligenz (KI) festgelegt werden kann und wie verstorbene Schauspielende fast perfekt für einzelne Szenen mit einem Avatar kopiert werden können. Die Frage, ob es irgendwann nicht mehr möglich sei, einen Avatar oder eine Fälschung vom Original zu unterscheiden, verneint er. Neuronale Netze seien nie perfekt und die Fakes können vielleicht nicht durchs Auge, aber durch KI identifiziert werden.

Automatisierte Ethik?

Als nächstes gab es einen Talk zur Datenstrategie und ihrer Umsetzung in Unternehmen, moderiert von HWZ-Beirätin Patrizia Laeri. Auf dem Podium waren Judith Bellaiche, Kantonsrätin und Mitglied der WAK, Marcel Blattner, Studiengangsleiter HWZ und Chief Data Scientist tamedia digital, Marc Holitscher, National Technology Officer Microsoft Schweiz und Nicolas Passadelis, Head of Data Governance und Interner Datenschutzbeauftragter Swisscom. Dabei wurde besonders die Frage, ob Ethik in Abläufe automatisiert eingebunden werden kann, diskutiert.

Während Marc Holitscher der Meinung war, das dies durchaus eine Möglichkeit ist, meinte Marcel Blattner, dass man sich nicht einfach auf die Technik verlassen sollte und soziale Aspekte bei einer Automatisierung zu kurz kämen. Für Judith Bellaiche war die Frage nicht, ob man Ethik automatisieren  kann, sondern, ob es richtig ist dies zu tun.

Zum Schluss waren alle einig mit Marcel Blattner, der zusammenfasste: «Leute mit technischem Hintergrund müssen sich mit ethischen Fragen auseinander setzen, Philosophen müssen sich mit technischen Fragen auseinandersetzen.»

Shift 2019 – Talk Datenstrategie

Shift 2019 – Talk Datenstrategie (Foto: Louis Rosenthal)

Verändertes Kundenverhalten?

Nach dem Podium übernahm Anne Scherer, Assistenzprofessorin für Marketing an der Universität Zürich zum Thema: «Wie verändern Technologien das Kundenverhalten?». Kunden reagieren deutlich extremer auf Menschen als auf Maschinen. So werden schlechte Dienstleistungen von Menschen deutlich schlechter wahrgenommen, als wenn sie von Maschinen erbracht werden, gute Dienstleistungen dafür deutlich besser. Die menschlichen Interaktionen jedoch blieben Kunden länger in Erinnerung. Spannend war zu sehen, dass  Kunden, wenn sie von einem Menschen bedient werden, die Verantwortung bei Dienstleistenden sieht. Werden sie hingegen von einer Maschine bedient, übernehmen sie deutlich mehr Selbstverantwortung.

Langfristig betrachtet, weisen Kunden die höchste Loyalität gegenüber dem Unternehmen auf, wenn sie je nach Bedürfnis den Service von Mensch oder Maschine in Anspruch nehmen können.

Opt-In vs. Opt-Out

Den Abschluss des Vormittags machte Melanie Schefer Bräker, Head of Customer Care Swisscom, zum Thema Stimmerkennung und Dominik Brumm, Partner Cubera Solutions zum Thema Gesichtserkennung.

Melanie Schefer Bräker präsentierte wie die Swisscom die Stimmerkennung im telefonischen Kundendienst zur Authentifizierung eingeführt hat, und zwar in einem Opt-Out System. Die Stimmerkennung ersetzt schrittweise die drei Sicherheitsfragen. Zu Beginn eines jeden Telefonates wird nun informiert, dass die Stimme aufgezeichnet wird. Möchte man dies nicht, kann man dies am Telefon sagen oder online einstellen. Bei den Teilnehmenden der Konferenz gab es anschliessend zu diesem Vortrag auf Twitter eine rege Diskussion, ob dies von den Kunden auch richtig verstanden werden würde und ob dies das richtige Vorgehen sei, oder ob eine Opt-In Variante vorzuziehen sei.

Face-ID und Fingerabdruck in der Anwendung

Dominik Brumm, Partner Cubera Solutions, zeigte auf, welche Möglichkeiten es bereits bei der Gesichtserkennung gibt und wo diese in der Praxis angewendet werden können. Beispielsweise um Uberfahrende zu identifizieren, für Patientenschutz in Kliniken oder zukünftig auch als Face ID statt der bekannten Identitätskarte oder bei personalisierten Tickets. Er thematisierte auch die kritischen Seiten, so zum Beispiel der einhergehende Kontrollverlust, durch permanente Identifizierbarkeit. Während man einen Fingerprint oder gar die Stimme noch steuern kann, sei das Gesicht ja fast immer zu sehen. Dies könne zu grossen Privatsphärenverletzungen führen.

Vertrauen in Technologie und der Faktor Mensch

Am Nachmittag gab es die Möglichkeit, in kleineren Gruppen in verschiedenen Breakout Sessions mitzudiskutieren. Dabei gab es insbesondere beim Thema: «Digitalkompetenz und Ethik im virtuellen Raum» mit Jolanda Spiess-Hegglin, Geschäftsführerin #Netzcourage, und Sophie Achermann, Geschäftsführerin Alliance F, grosse Diskussionen über den aktuellen Hass im Netz. Die beiden Frauen verdeutlichten, dass Zivilcourage online viel weniger passiert, als im «echten» Leben. Während Jolanda Spiess-Hegglin mit #Netzcourage direkt Betroffene unkompliziert unterstützt, damit verletzende Kommentare schnellstmöglich verschwinden, zeigte Sophie Achermann auf, wie Alliance F mit der Initiative «stophatespeech» das Ziel hat, einen Algorithmus entwickeln, der Hate-Speech erkennt und dann an die Zivilgesellschaft weitergibt, damit diese sich mit Conter Speeches (Gegenreden) wehrt.

«Misstrauen in disruptive Technologie» war eine weitere Session, die von Republik-Journalistin Adrienne Fichter und UX-Designerin Sybille Peuker geleitet wurde. Für vertrauenswürdige Technologie brauche es Empathie und kritisches Denken.

Patrick Labud und Malte Polzin widmeten sich dem Thema «Designverantwortung und Ethik bei Produkten und Dienstleistungen». Dabei appellierten die beiden an die Verantwortung und meinten, dass nur weil man etwas tun bzw. designen kann, sollte man es nicht immer auch tun. Es sei zentral, dass Unternehmen Respekt vor und für ihre Kundschaft haben.

Ethics by design, um im #TeamHuman zu bleiben

Im Anschluss moderierte Patrizia Laeri den Talk mit Christiane Müller-Haye, Director Continental Europe Phoenix,  Marianne Janik, Country General Manager Microsoft Schweiz und Stefan Metzger, Country Managing Director Schweiz Cognizant. Es ging um Grenzen, an die sie stiessen, aber auch gegenwärtige Herausforderungen. So sei nicht die Technologie hindernd, sondern die Beurteilungsfähigkeit fehlend oder noch zuviel Emotionen und Halbwissen im Umlauf. Einig waren sie sich, dass Ethik von Anfang an mitgedacht werden muss: «ethics by design».

Die abschliessenden Lightning Talks waren noch mal ein Aufruf für mehr Mut (Dalith Steiger), mehr Menschlichkeit #TeamHuman (Hannes Gassert) und der Hinweis, dass wir ja eigentlich wissen, was zu tun ist (Anna Jobin).

Die nächste Ausgabe der Shift findet am Donnerstag, den 27. Februar 2020 im X-TRA in Zürich statt.

Fotos: Louis Rafael Rosenthal

 

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