Some parts of our content are currently available in German only.

Vom Corporate ins Unternehmertum

Raindrop: Wie aus einer Idee an der HWZ ein Insurtech entstand

Wie wird aus einer erfahrenen Corporate-Managerin eine Gründerin? Für Jasmin Flori-Hess begann diese Reise im Umfeld eines Workshops an der HWZ. Heute führt sie in Australien das Insurtech-Unternehmen Raindrop. Im Interview spricht sie über lebenslanges Lernen, den Mut, neue Wege zu gehen und darüber, warum die besten Ideen oft dort entstehen, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen.

Campus · June 24, 2026

Rund 14'000 Kilometer trennen Zürich und Darwin. Dem Gespräch mit Jasmin Flori-Hess merkt man das allerdings kaum an. Die gebürtige Schweizerin lebt heute mit ihrer Familie im Norden Australiens und führt von dort aus das Insurtech-Unternehmen Raindrop.

Während in der Schweiz die Sommertage immer heisser werden, spricht sie lachend von «kühlen» 25 Grad und davon, dass sie für ihren Morgenspaziergang sogar ein Jäckchen gebraucht habe. Trotz vieler Jahre in Australien ist ihr Schweizerdeutsch unverkennbar geblieben – auch wenn sich immer wieder englische Begriffe ins Gespräch mischen.

Heute entwickelt Jasmin mit Raindrop KI-Lösungen für die Versicherungsbranche. Begonnen hat diese Reise jedoch mit einer einfachen Beobachtung – und einem Workshop an der HWZ. Im Gespräch erzählt sie, weshalb Unternehmertum für sie vor allem ein Lernprozess ist und warum Neugier bis heute ihr wichtigster Begleiter geblieben ist.

Jasmin, du führst mit Raindrop ein Insurtech-Unternehmen in Australien. Wenn du zurückblickst: Wo begann diese Reise und wann wurde aus einer Idee tatsächlich der Entschluss zu gründen?

Ich habe das Problem mit unverständlichen Versicherungspolicen selbst erlebt. Mit einem Kommunikations-Bachelor und knapp 15 Jahren Berufs­erfahrung in der Banken- und MedTech-Branche dachte ich: «So schwer kann das Kleingedruckte doch nicht sein.» Nach rund 15 Stunden Lesen musste ich mir eingestehen: Doch, ist es. Diese Dokumente sind für viele Menschen kaum verständlich.

Der entscheidende Moment kam dann bei einem Workshop an der HWZ. Im Austausch mit Expertinnen und Experten im Bereich Natural Language Processing (NLP = Natural Language Processing ist ein Teilgebiet der KI, das sich damit beschäftigt, wie Computer menschliche Sprache verstehen, analysieren und erzeugen können) wurde mir klar, welches Potenzial Künstliche Intelligenz für die Analyse komplexer Texte bietet. Plötzlich ergaben sich all die Puzzleteile zu einem Gesamtbild: Es gab ein reales Problem, die technologische Möglichkeit, es zu lösen – und einen Markt, der genau das brauchte. In diesem Moment wurde aus einer Idee der Entschluss zu gründen.

Departement Entrepreneurship, Innovation & Academy

Die Zukunft gehört denen, die sie aktiv gestalten. Das Departement Entrepreneurship, Innovation & Academy der HWZ befähigt Menschen, unternehmerisch zu denken, innovativ zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Wir glauben, die besten Lösungen entstehen dort, wo fundiertes Wissen auf echte Praxisherausforderungen trifft.

Im Austausch mit anderen Start-ups: Jasmin Flori-Hess an den Start-up Nights in Winterthur im November 2023.

Der entscheidende Impuls kam also im Austausch mit Expertinnen und Experten. Damals hattest du noch keine klassische Startup-Erfahrung und musstest dir vieles neu aneignen. Wie bist du mit dieser Unsicherheit umgegangen?

Mein Geheimrezept? Keine Angst davor zu haben, «dumme» Fragen zu stellen. Eine gesunde Portion Neugier ist der absolute Treibstoff für jede Gründung. Gleichzeitig gab mir meine langjährige Erfahrung in der Corporate-Welt die Sicherheit, Bestehendes kritisch zu hinterfragen. Innovation beginnt oft genau dort: wenn man aufhört, Dinge als gegeben hinzunehmen.

Wer gründet, merkt schnell: Gute Ideen allein reichen nicht. Man muss auch lernen, wie Unternehmertum funktioniert. Auf der Suche nach Antworten hast du unter anderem die Startup Nights in Winterthur besucht. Was hat dich an diesem Ökosystem besonders fasziniert?

Ich habe heute noch das Bild von den unzähligen Postern im Kopf – das waren für mich pure Motivations-Mantras! Was mich besonders beeindruckt hat, war die Offenheit. Menschen teilen ihre Ideen, vernetzen sich und sprechen auch offen über Fehler. Niemand erwartet, von Anfang an alles zu wissen. Stattdessen wird ausprobiert, gelernt und verbessert. Dieser gelebte «Design-Thinking-Style», bei dem man permanent optimiert und hinterfragt, hat mich sofort gecatcht.

Du hast also bewusst die Startup-Welt kennengelernt. Gleichzeitig bringst du mehr als 20 Jahre Erfahrung aus grossen Unternehmen mit. Wie hat sich dein Blick auf Arbeit, Verantwortung und Entscheidungen durch den Schritt ins Unternehmertum verändert?

Mein Blick auf die Arbeit hat sich komplett gedreht, weil ich heute jeden einzelnen Micro-Step verstehe – vom ersten Stein bis zur Skalierung. Abschalten war für mich zwar schon im Angestelltenverhältnis eine Challenge, aber als Gründerin ist das noch mal ein anderes Level. Was ich liebe, ist das Tempo: Entscheidungen fallen ruckzuck, Prozesse und Produkte lassen sich sehr agil anpassen. Die Kehrseite der Medaille? Die Verantwortung lastet auf meinen Schultern. Das kann herausfordernd sein, hat mich aber persönlich enorm weitergebracht.

Aus dieser Kombination aus Neugier, Branchenwissen und Unternehmergeist entstand schliesslich Raindrop. Welches Problem löst das Unternehmen konkret und warum braucht es dafür heute KI?

Wir machen komplexe Versicherungsinformationen verständlich, vergleichbar und nutzbar. KI hilft uns dabei, diese Informationen so aufzubereiten, dass sie von Menschen, Systemen und künftig auch KI-Agenten verstanden werden können.

Trotz aller technologischen Möglichkeiten setzt ihr bewusst auf «human validated AI». Weshalb bleibt menschliche Expertise für euch unverzichtbar?

Weil echter Deep-Tech-Verstand nicht im luftleeren Raum entsteht. Das Fundament unserer Intelligenz basiert auf dem kritischen Blick und dem kontinuierlichen Feedback von echten Versicherungsexpert:innen. Nur so entstehen Ergebnisse, die fachlich belastbar und vertrauenswürdig sind.

Man muss das grössere Bild sehen: Die Welle des Agentic E-Commerce rollt gerade erst an. Das wird die Art und Weise, wie Produkte und eben auch Versicherungen vertrieben werden, komplett revolutionieren. Wenn KI-Agenten künftig autonom agieren sollen, müssen sie komplexe Versicherungsdokumente fehlerfrei lesen und verstehen können. Wir liefern genau dafür das entscheidende Bindeglied – die Brücke zwischen menschlichem Fachwissen und künstlicher Intelligenz.

Jasmin Flori-Hess auf der Bühne an der NIBA (National Insurance Broker Association) Convention an der Gold Coast 2025.

Du vereinst in deiner Arbeit Kommunikation, Technologie, Versicherungswissen und Organisation. Wie wichtig sind solche interdisziplinären Perspektiven, wenn Innovation entstehen soll?

Ultrawichtig. Man muss nicht vom ersten Tag an in jedem Bereich der absolute Pro sein. Viel wichtiger sind eine radikale Neugier und unbändige Energie. Bei mir war es genau so: Ich komme aus der Kommunikationswelt und hatte anfangs kaum Kenntnisse der Versicherungsbranche. Aber genau das war mein grösster Joker. Ich konnte mit dem unvoreingenommenen Blick einer Aussenstehenden reingehen, kritische Fragen stellen und völlig neue Wege einschlagen.

Technologisch war ich sicher nie auf dem Level eines Software-Engineers. Aber mit ein bisschen HTML-Basiswissen aus dem Studium, einem guten Gespür für Tech und eben dem Mut, meine Entwickler ständig mit «Warum? Weshalb? Und warum eigentlich nicht so?» zu löchern, verstehe ich heute unsere gesamte Infrastruktur, KI-Modelle und die Logik hinter dem Code. Dieses Verständnis hilft mir heute enorm dabei, Brücken zwischen Fachbereichen zu schlagen.

Kontinuierliches Lernen scheint sich wie ein roter Faden durch deinen Werdegang zu ziehen. Du hast verschiedene Aus- und Weiterbildungen absolviert, unter anderem im Projektmanagement an der SGO Business School, mit der die HWZ seit vielen Jahren als Zertifizierungspartner zusammenarbeitet. Welche Rolle spielte Weiterbildung auf deinem Weg?

Weiterbildung ist für mich eine Voraussetzung für Innovation. Und das findet eben nicht nur im klassischen Hörsaal oder auf dem Campus statt. Das passiert via Online-Kurse, aber vor allem direkt «on the Job». Genau deshalb schätze ich das praxisnahe Angebot der HWZ so sehr. Theorie liefert dir das Fundament, aber die reale Anwendung auf der Strasse ist das eigentliche A und O. Unser Start-up steht heute dort, wo es steht, weil wir ständig lernen, anwenden und uns weiterentwickeln.

Jasmin Flori-Hess im Interview nach der Bekanntgabe der Förderung durch das Northern Territory Business Innovation Program 2025. Ein wichtiger Meilenstein für das Team auf dem Weg, Versicherungen mit KI verständlicher zu machen.

Es wird immer deutlicher, wie wichtig Begegnungen auf deinem Weg waren. Und manchmal entstehen sie an den unerwartetsten Orten. Unser Rektor Brian traf dich auf seiner Reise durch Australien bei einem Grillabend mit gemeinsamen Freunden. Erst im Gespräch wurde klar, dass sich hinter dieser Begegnung auch die Geschichte von Raindrop verbirgt. Was sagt dieser Moment für dich über die Rolle von Begegnungen und unerwarteten Verbindungen im Unternehmertum aus?

Das war ein surrealer Moment. Mitten in Australien bei einem Barbecue plötzlich Schweizerdeutsch zu sprechen und zu merken, dass man dieselbe Startup-Leidenschaft teilt – ich liebe solche Begegnungen einfach. Da kommt das Prinzip «Serendipity» ins Spiel. Das war nicht einfach nur ein glücklicher Zufall. Meist steckt auch ein bisschen Magie drin.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, kann man nicht im Businessplan festhalten oder im Seminar lernen. Das Einzige, was man tun kann:

Mit offenen Augen durch die Welt gehen, ohne Vorurteile das Gespräch suchen und echtes Interesse am Gegenüber zeigen. Authentisch kommunizieren, Spass dabei haben und hungrig darauf sein, neue Geschichten zu hören und zu teilen – das öffnet Türen, von denen man vorher nicht mal wusste, dass sie existieren.

Wenn du heute auf die Entstehung von Raindrop zurückblickst: Was braucht es, damit aus Ideen, Begegnungen und Neugier am Ende echtes Unternehmertum entsteht?

Ideen, Begegnungen und Neugier sind wichtige Auslöser. Damit daraus ein Unternehmen entsteht, braucht es aber vor allem Exekution, Resilienz und den Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Über Jasmin Flori-Hess

Jasmin Flori-Hess ist Gründerin und CEO von Raindrop, einem innovativen InsurTech Startup. Bevor sie den Schritt in die Unternehmensgründung wagte, war sie über 20 Jahre lang in führenden Rollen in der Finanz- und Medizintechnikbranche tätig. Ihr Fokus lag dabei auf der Leitung komplexer Veränderungsprozesse (Change Management) sowie der kommunikativen Begleitung von Produktlinien.

Als Gründerin verbindet Jasmin tiefgehendes Branchenwissen mit einem absolut kundenorientierten Ansatz. Ihr Ziel mit Raindrop ist es, komplexe Prozesse nahbar und transparent zu gestalten. Als Vordenkerin der Digitalwirtschaft setzt sie sich zudem leidenschaftlich für die Förderung von Tech-Clustern ein und positioniert das australische Northern Territory als attraktiven, zukunftsträchtigen Standort für internationale Tech-Investitionen.