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Wie Weiterbildung neue Perspektiven eröffnet

Von der CAS-Arbeit zum Pilotprojekt gegen Mobbing

Was hat Mobbingprävention in einer Schulklasse mit guter Führung zu tun? Mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Christine Jauch, Absolventin des CAS Digital Ethics HWZ, hat sich in ihrer Abschlussarbeit mit Mobbing und der Frage beschäftigt, wie Kinder gestärkt werden können, bevor Mobbing überhaupt entsteht. Aus der theoretischen Auseinandersetzung wurde ein konkretes Pilotprojekt mit einer 6. Klasse. Im Interview erzählt sie von ihren Erkenntnissen daraus über Gruppendynamik, psychologische Sicherheit und Führung.

Testimonial · September 1, 2026

Im besten Fall endet eine Weiterbildung nicht nach dem Zertifikat, sondern eröffnet neue Perspektiven, regt an und schafft neue, umsetzbare Ideen für den Arbeitsalltag. Genau diesen Weg hat Christine Jauch, Absolventin im CAS Digital Ethics HWZ, eingeschlagen. Mit ihrer langjährigen Erfahrung in Marketing und Führung absolvierte sie den CAS Digital Ethics an der HWZ. Im Rahmen ihrer CAS-Abschlussarbeit beschäftigte sie sich mit dem Thema Mobbing und stellte sich die Frage: Wie können wir Kinder stärken, bevor Mobbing überhaupt entsteht?

Aus dieser Frage entwickelte sich Schritt für Schritt ein Pilotprojekt mit einer Schulklasse. Gleichzeitig erkannte Christine Jauch, dass sich viele Mechanismen aus dem Schulzimmer auch auf Teams, Organisationen und den Führungsalltag übertragen lassen. Im Interview spricht sie über ihr erstes erfolgreiches Pilotprojekt und über die Learnings, die sie für sich und andere Führungskräfte mitnehmen kann.


Christine, du bringst langjährige Erfahrung aus Marketing und Führung mit. Was hat dich dazu bewogen, den CAS Digital Ethics an der HWZ zu absolvieren? Mit welchen Fragen oder Erwartungen bist du damals in die Weiterbildung gestartet?

Ich beschäftige mich schon länger mit Fragen rund um Führung, Digitalisierung und Unternehmenskultur. Meine Rollen bewegten sich oftmals an der Schnittstelle zur Technologie. Ich wollte mich explizit tiefer mit den ethischen Fragen rund um die rasanten technologischen Entwicklungen auseinandersetzen. Und ich hoffte, meine philosophische Ader würde etwas genährt werden ;-). Das wurde sie! Ich freute mich speziell auf die Interdisziplinarität der Dozierenden und Studierenden.

Mich interessierte die Frage, was heute und vielleicht morgen technologisch möglich ist, und ich wollte hierzu auf den neusten Stand kommen; jedoch fast mehr das wie wir verantwortungsvoll mit neuen Technologien umgehen. Wie treffen wir gute Entscheidungen, wenn es keine einfachen Antworten gibt auf die Auswirkungen auf Mensch und Organisation?

Der CAS Digital Ethics hat meinen Horizont definitiv erweitert. Ich habe gelernt, komplexe Fragestellungen zusätzlich mit einer Ethikbrille zu betrachten und nicht vorschnell nach einfachen Lösungen zu suchen.

Im Rahmen deiner CAS-Arbeit hast du dich mit dem Thema Mobbing beschäftigt. Weshalb hast du dich für dieses Thema entschieden?

Ehrlich gesagt war es zu Beginn eine Zangengeburt. Da ich mich beruflich in einer Transformation befand und mich weg vom Marketing bewegen wollte, kam eine Marketing-Fragestellung für mich nicht infrage. Nur was dann? Über ethische Fragestellungen zum Einsatz und zur Gestaltung von sozialen Medien kam ich auf die Zielgruppe Kinder. Und da ist es leider nicht weit zum Thema Mobbing respektive Cybermobbing. Ein wenig Recherche zeigte rasch den wunden Punkt auf, an dem auch die Schweiz leidet: Mobbing ist ein alltägliches Phänomen. Kinder sind psychisch immer früher und vielfältiger belastet und das Hilfssystem ist unzureichend.

Da kam mir der Gedanke: Wie wäre es, wenn Kinder einen altersgerechten digitalen Helfer hätten, der KI-unterstützt ist? Dass Kinder und Jugendliche immer häufiger ChatGPT als psychologischen Berater nutzen, zeigt: Der Need ist gegeben. Es scheint ihr Workaround zu sein. Gleichzeitig wirft die Nutzung einige kritische Fragen auf. Das schien mir also eine sehr spannende Fragestellung zu sein. Und sowas hat gerade auch Potenzial für Innovation!

In einem deiner LinkedIn-Beiträge schreibst du, dass dich nach deiner CAS-Arbeit vor allem eine Frage nicht mehr losgelassen hat: «Wie können wir Kinder stärken, bevor Mobbing überhaupt entsteht?» Weshalb wurde genau diese Fragestellung zum Ausgangspunkt deines Projekts?

Mobbing kann Menschen bis ins Erwachsenenalter nachhaltig negativ prägen und in ihrer Lebenszufriedenheit und -fähigkeit beeinträchtigen. Als ich eine Studie über die Langzeitfolgen von Mobbingopfern auf die spätere Arbeits- und Beziehungsfähigkeit von Erwachsenen las, hatte mich das nicht mehr losgelassen. Diese englische Studie bezifferte sogar den volkswirtschaftlichen Schaden durch Mobbing erlebt im Kindesalter. Ich gehe davon aus, dass sich das auch auf die Schweiz übertragen lässt. Höhere Krankheitskosten, Arbeitsausfall und ungenügend genutztes Arbeitskräftepotenzial. Das sollte die Gesellschaft eigentlich interessieren.

Prävention wäre «on the long run» wohl günstiger, als wenn später Feuerlöschen betrieben wird. Ich bin auch erstaunt, wie wenige Schulen und Kantone in eine systematische Mobbing-Prävention investieren. Natürlich gibt es Präventionsangebote. Ich bin ja schliesslich nicht die erste mit dem Anspruch. Entweder sie sind nicht bekannt, die Sensibilität für das Thema fehlt oder Geld und Zeit. Das macht nachdenklich.

Und weiter schlug ich den Bogen von meiner Leadership-Erfahrung zu Kindern in Schulsystemen. In meiner Führung lege ich viel Wert auf ein ‹gesundes› System. Heisst: Ich achte sehr auf gelebte Werte, von denen ich überzeugt bin, dass sie zu einem arbeitsförderlichen Miteinander führen. Es geht um eine menschenorientierte Führung, mit der die meisten Menschen auch ihre beste Leistung bringen können. Eigentlich ist das nicht gross anders bei Kindern.

Was lässt sich also von der Arbeitswelt in die Schulzimmer übertragen? Ich ging mit derselben wertschätzenden, offenen und demütigen Haltung auf die Kinder zu. Für mich machte es enorm viel Sinn, ein Konzept zu entwickeln, das das ganze System stärkt und nicht einen Fokus auf Täter-Opfer hat. Die Macht und das Potenzial liegen in der Gruppe. Das möchte ich vermitteln. Es geht um die Stärkung des Klassengefüges und was jedes einzelne Kind tun kann. Eigentlich gehört es zum Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und den Umgang mit Emotionen. Etwas, was ich am liebsten auf dem Schulplan von jedem Kind sehe. Es würde uns als Gesellschaft stärken für die Zukunft.

Viele CAS-Arbeiten enden mit der Abgabe. Bei dir entwickelte sich daraus ein Pilotprojekt. Gab es einen bestimmten Moment, in dem dir klar wurde, dass aus deiner Idee mehr entstehen könnte?

Ich verfolgte noch eine kurze Zeit die ursprüngliche CAS-Fragestellung, wusste aber, dass ein KI‑Chatbot umzusetzen, Ressourcen bräuchte, die ich nicht in mir vereinte. Im Gespräch mit Lehrpersonen und Psychologen erkannte ich gleichzeitig, dass ich mit meiner Bystander Sichtweise auf viel Zuspruch stiess. Ich fühlte mich immer mehr ermutigt, es einfach mit einem Workshop-Konzept zu probieren. Und als ich die konkrete Zusage einer Schulleitung und einer Lehrperson erhielt, da gab es dann kein Zurückrudern mehr.

Mir war von Anfang an auch klar, dass ich es als Pilot deklariere und durchführe. Das heisst, wir alle – die Lehrperson, die Klasse und ich – wussten, dass wir gemeinsam etwas ausprobieren, lernen und adaptieren. So habe ich beispielsweise die Klasse auch regelmässig zu ehrlichem Feedback aufgefordert. Ich lebe stark nach dem Ansatz «fail fast – learn fast».

Du beschreibst den Start des Pilotprojekts als «Sprung ins kalte Wasser». Was hat dir den Mut gegeben, diesen Schritt zu wagen, obwohl vieles noch ungewiss war?

Wohl meine Lebenserfahrung! Ich bin schon oft ins kalte Wasser gesprungen und weiss, dass die Lernkurve da am steilsten ist. Es braucht auch Energie, aber ich ziehe auch viel aus solchen Experimenten und komplett neuen Realitäten. Logisch hatte ich auch Respekt. Es ist wichtig, seine Grenzen und Schwächen zu kennen.

Grundsätzlich hatte ich wahnsinnig viel Spass daran, etwas von der Pike auf entstehen zu lassen und herauszufinden, ob und wie es funktioniert. Hätte ich es nicht getan, hätte ich nie herausgefunden, ob es funktioniert. Was kann man schon verlieren? Eigentlich nichts.

Ich wollte auch herausfinden, wie kompatibel und wertvoll meine Leadership-Erfahrung für die pädagogische Welt sein könnte. Wir können alle gegenseitig von den anderen Berufswelten lernen, davon bin ich überzeugt. Ich nahm mir auch den Druck, dass alles perfekt sein muss von Beginn an. Da hat mich die agile Arbeitsweise auch sehr geprägt.

Du schreibst, dass der entscheidende Schritt der «mentale Shift» war, sich mit der eigenen Idee zu outen. Erst dadurch hätten sich Türen geöffnet und wertvolle Kontakte ergeben. Weshalb war diese Erkenntnis für dich so wichtig und welche Rolle spielte dein Netzwerk auf diesem Weg?

Ja, das war ein entscheidender Schritt, den ich wusste, gehen zu müssen. Es macht einen grossen mentalen Unterschied, wenn man sein Vorhaben im Umfeld zu erzählen beginnt. Es lässt einen sich selbst gegenüber verpflichtend werden. Und gleichzeitig geschieht da manchmal auch etwas leicht Magisches. Man öffnet sich geistig für etwas und plötzlich schafft dies neue Begegnungen, die inspirieren und Türen öffnen. Genau das muss geschehen. Oder wer ganz mutig ist, kann nach dem Motto «fake it until you make it» vorwärtsgehen.

Man sollte sich in solchen Situationen auch nicht zu schade sein, sein bestehendes Netzwerk anzugehen. Gleichzeitig scheint mir auch zielführend, sich ganz gezielt für Neues zu öffnen. Da muss man über seinen Schatten springen. Ich habe mir auch einen Pitch dafür zurechtgelegt.

Grundsätzlich darf ich sagen, ich traf viele engagierte Expert:innen aus dem Ökosystem, die mich offen anhörten und ehrliches Feedback gaben. Aus der Marktforschungsarbeit weiss ich: Menschen geben gerne Auskunft, wenn sie um ihr Expertenwissen befragt werden. Und immer nach weiteren interessanten Kontakten im Anschluss an solche Gespräche fragen, das ist wichtig ;-).

Du kommst ursprünglich aus Marketing und Führung – nicht aus dem Bildungsbereich. Inwiefern war gerade dieser Blick von aussen ein Vorteil für dein Projekt? Welche Erfahrungen aus deiner bisherigen Laufbahn konntest du dabei einbringen?

Das versuchte ich, gezielt einzusetzen und zu testen. Dazu braucht es ein genauso offenes Gegenüber. Das traf ich an. Ich bin eine empathische Person, die unvoreingenommen das Vis-à-Vis annimmt und jedem seine Eigenverantwortung und Expertise auch lässt. Zu einem guten Teil klingt das auch bei Kindern gut an. Ich habe das Projekt konsequent aus der Perspektive der Nutzer:innen, also der Schüler:innen, gestaltet.

  • Dabei halfen mir Methoden wie Human Centered Design und Design Thinking. Statt mit einem fertigen Unterrichtskonzept zu starten, wollte ich zuerst verstehen, welche Bedürfnisse Schüler:innen, Lehrpersonen und Schulen tatsächlich haben.

  • Die Gestaltung der Unterrichtsmaterialien war in grossen Teilen vom Stil her ähnlich zur Arbeitswelt. Ich setzte auf analog mit Flipcharts und startete die Sequenzen mit Working Agreements, die von den Kindern gut angenommen wurden. Die Lehrperson hat mir hilfreichen Input zur kindgerechten Gestaltung der Inhalte geben können. Auch die Pausengestaltung (ein Wettrennen vom 4. Stock runter und wieder rauf; sowas hätte es bei mir in den 80ern nie gegeben ;-D), die Abwechslung der didaktischen Formate und die Quantität an Inhalten sind anders zu handhaben. Stichwort Konzentrationsspanne.

  • Aus meiner Führungserfahrung konnte ich sicher auch auf das Wissen über Gruppendynamiken, Kommunikation und psychologische Sicherheit bauen. Das beschäftigt Lehrpersonen genauso.

Nach dem Pilotprojekt hast du geschrieben, dass Gruppendynamiken im Schulzimmer erstaunlich ähnlich funktionieren wie im Sitzungszimmer. Welche Parallelen sind dir besonders aufgefallen und welche Impulse können Führungskräfte daraus mitnehmen?

Auch in Unternehmen beschäftigen wir uns mit Werten und Verhaltensnormen.

  • Wie wollen wir miteinander arbeiten?

  • Was macht uns gemeinsam stärker?

  • Was sind No-Go's und welche Konsequenzen hat ein Überschreiten?

Meiner Ansicht nach zahlt es sich in beiden Welten aus, in ein gutes Miteinander zu investieren. In einer sicheren Umgebung können Menschen besser arbeiten und lernen. Sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit wird dies meiner Meinung nach zu oft vernachlässigt. Man scheut den initialen Aufwand. Dabei zahlt er sich langfristig durch gute Arbeitsleistung und Lernfähigkeit aus.

Lehrpersonen sind heute oft mit Disziplinarischem absorbiert, als dass sie sich mit dem Umsetzen des Lehrplans beschäftigen könnten. Das ist Frust für alle Beteiligten. Meine Achtung für Lehrpersonen ist hoch. Die Art, wie die Lehrperson im Pilotprojekt mit den Kindern täglich arbeitet, hat mich beeindruckt. Sie hat mit Klarheit und Konsequenz unterrichtet und ist gleichzeitig jedem Kind mit viel Herzlichkeit begegnet. Sie verfolgt eine Nulltoleranz punkto Mobbing. Aufgrund von früheren Ereignissen in der Klasse, war sie bereits sehr sensibilisiert.

Das wünschte ich mir auch vermehrt in Arbeitsumfelder. Zu oft wird eine toxisch agierende Person jahrelang geduldet. Ein ganzes System windet sich um sie herum. Es wird geschwiegen, weggeschaut und negiert. Der Schaden an der Gruppe wird weniger hoch gewichtet, als sich von einer toxischen Person zu lösen.

Den Kindern habe ich mitgegeben, dass auch «nicht handeln» eine Wirkung hat und ein negatives System befeuern kann. Das gilt auch für Führung.

Wenn du heute auf den CAS Digital Ethics HWZ zurückblickst: Welche Rolle spielte die Weiterbildung dabei, dass aus einer Studienarbeit ein konkretes Praxisprojekt entstand?

Eine sehr grosse. Ohne die HWZ kein Mobbing-Pilot! Meine holistische Art, Fragestellungen anzugehen, wurde durch eine weitere Sichtweise – die der digitalen Ethik – ergänzt.

Vor allem hat mich die Weiterbildung ermutigt, eine Idee nicht nur theoretisch zu analysieren, sondern sie in der Praxis zu erproben.

Der erste Pilot mit einer 6. Klasse ist inzwischen abgeschlossen. Wie geht es nun weiter? Welche nächsten Schritte planst du und welche Wirkung möchtest du mit deinem Projekt langfristig erzielen?

Der Pilot hat gezeigt, dass der Ansatz grundsätzlich funktioniert. Die Resonanz der Lehrperson, der Schulleitung und der Klasse war gut. Das Feedback hat auch Anpassungsbedarf und Erweiterungspotenzial aufgezeigt. Die entscheidende Frage ist, wer hat eine Bezahlbereitschaft? Jede Innovation muss sich selbst tragen können. Schulen haben leider oftmals wenig Hebel. Das ist bedauerlich. Ich bin aktuell dran, das Konzept der Behörde vorzustellen. Stiftungen und private Bildungsinstitutionen sind auch denkbar. Ich kann mich dankenderweise auch auf einen etablierten Verein im Bereich der mentalen Gesundheit verlassen. Das öffnet leichter Türen. Findet sich niemand, der bezahlt, dann weiss ich, dass ich mein Projekt-Baby auch loslassen muss.

Langfristig wünsche ich mir, dass Mobbing-Prävention selbstverständlich wird. Es geht um die mentale Gesundheit von Kindern und wie sie für ein zufriedenes (Berufs-)Leben gerüstet werden. Das ist unsere gesellschaftliche Verantwortung.

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