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Gastinterview mit Cornelia Diethelm

Wo Responsible AI heute noch zu kurz greift

Responsible AI verlangt mehr als den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie. Im Interview mit der Netzwoche erklärt Cornelia Diethelm, Gründerin des Centre for Digital Responsibility und Studiengangsleiterin des CAS Digital Ethics an der HWZ, was es in der Praxis braucht und welche Rolle der Mensch dabei spielt.

Campus · October 22, 2026

Portrait Cornelia Diethelm Hwz

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der digitalen Transformation und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. Was fasziniert Sie an diesem Thema bis heute am meisten?

Cornelia Diethelm: Mich fasziniert die Vielfalt an Chancen und Risiken, die sich je nach Anwendungsbereich ergeben, und wie schnell sich die Schwerpunkte in der öffentlichen Diskussion verschieben. Vor der Lancierung von ChatGPT gehörten Diskriminierung, Manipulation und Überwachung zu den Topthemen. Aktuell dominieren Fragen wie: Wie verändern sich die Jobprofile am Arbeitsplatz? Wie stellen wir sicher, dass wir unsere Urteilskraft nicht an eine Maschine abgeben? Und wie machen wir den Einsatz von KI-Agenten sicher?

Hat sich Ihre eigene Haltung zu künstlicher Intelligenz in den vergangenen zwei Jahren verändert? Und wenn ja, wodurch?

Für mich bleibt KI eine Technologie, über deren Einsatz wir entscheiden müssen. Verändert hat sich, was ich für dringlich halte, ausgelöst durch meine Erfahrungen im Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Branchen: Es ist wichtiger denn je, die KI-Kompetenz und das kritische Denken zu stärken, bei Führungskräften wie bei Mitarbeitenden. Wer nicht weiss, wie KI im Grundsatz funktioniert, vertraut den Ergebnissen zu stark oder setzt die Technologie dort ein, wo sie nichts zu suchen hat.

«Responsible AI» ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. Was bedeutet verantwortungsvolle KI für Sie ganz konkret?

Für mich beginnt Verantwortung beim Entscheid, welches Problem ein KI-System lösen soll. Die damit verbundene Wirkung wird häufig unterschätzt. Zum Beispiel lassen sich fehlende Ressourcen an Schulen und im Gesundheitswesen oder das Bedürfnis nach sozialen Kontakten nicht mit KI aus dem Weg räumen. Responsible AI bedeutet für mich auch, dass Unternehmen Wissen intern aufbauen und über eine ethische Leitlinie für KI verfügen. Denn vergessen wir nicht: Für das Ergebnis und mögliche Schäden bleiben wir Menschen verantwortlich.

Wo klaffen Anspruch und Realität beim Thema Responsible AI derzeit am stärksten auseinander?

Schöne Dokumente sind schnell geschrieben. Doch häufig nehmen wir uns nicht die Zeit, ein neues Einsatzgebiet von KI aus einer ganzheitlichen Perspektive zu beurteilen. Die Folgen zeigen sich zum Beispiel, wenn Kundinnen und Kunden falsche Antworten erhalten oder gut qualifizierte Personen im Rekrutierungsprozess aussortiert werden. Es wäre gut investierte Zeit, sicherzustellen, dass wirklich alles rundläuft. 

Woran erkennen Sie, ob ein Unternehmen Verantwortung beim Einsatz von KI tatsächlich lebt – und wann ist es nur Responsible-AI-Washing?

Für mich ist eine Organisation glaubwürdig, wenn Geschäftsleitung und Führungskräfte das Thema aktiv und wertorientiert vorantreiben und bewusst in ihre Mitarbeitenden sowie in eine Lernkultur investieren. Einige haben zusätzlich ein internes Gremium oder ein Netzwerk, das KI-Projekte aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilt. Responsible-AI-Washing lässt sich daran erkennen, dass den schönen Worten keine Taten folgen – etwa durch inhaltsleere Dokumente, unverbindliche Aussagen des Managements oder fehlende Unterstützung von Personen, die sich konstruktiv kritisch mit KI auseinandersetzen. Falsche Anreize können verantwortungsvolles Handeln ebenfalls untergraben.

Welche ethischen Fragestellungen werden Ihrer Meinung nach beim Einsatz von KI derzeit am häufigsten unterschätzt?

Unterschätzt wird, dass KI problematische Tendenzen weiter verstärken kann, wenn wir sie...

Dies ist ein Auszug aus dem Interview von Dylan Windhaber, das am 14. Oktober 2026 auf netzwoche.ch erschienen ist.