Student und Rettungsschwimmer
Warum Nils Lehmann nie wirklich Feierabend hat
Ein unverkennbarer Klingelton auf seinem Smartphone kann alles verändern. Dann lässt Nils Lehmann Studium, Marketingjob und Alltag hinter sich und rückt als Rettungsschwimmer oder First Responder zu einem Einsatz aus. Im Interview erzählt der Student des Bachelor Business Communications an der HWZ, wie ihm das berufsbegleitende Studium die nötige Flexibilität für sein Engagement gibt und warum Zeit in hektischen Situationen selten das eigentliche Problem ist.
Testimonial · July 15, 2026
Wenn dein Smartphone klingelt, kann es ein Marketingprojekt, eine Lehrveranstaltung oder ein Notfall sein. Wie gehst du mit dieser ständigen Bereitschaft mental um?
Mein Handy hat für Einsätze einen unverkennbaren Ton. So weiss ich sofort, wenn der Anruf von der Seerettung kommt oder ich als First Responder gebraucht werde. Meine Mitstudierenden und auch einige Dozierende kennen dieses Signal auch schon.
Wenn du weisst, dass du jederzeit einrücken musst, lernst du, damit umzugehen. Diese Bereitschaft läuft unterbewusst immer mit: Ich habe meistens mein Reanimations-Set dabei, und wenn ich irgendwo hingehe, merke ich mir instinktiv, wo die Defibrillatoren stationiert sind. Mittlerweile ist diese Bereitschaft kein Stressfaktor mehr, sondern ein Teil von mir.
Was mir hilft, ist eine klare Trennung: Wenn ein Notfall reinkommt, zählt in dem Moment nur das. Alles andere kann warten. Diese Fähigkeit, schnell umzuschalten und voll präsent zu sein, gibt mir paradoxerweise eher Ruhe als Stress.
Du trägst bei der Seetraversierung die Verantwortung für die Sicherheit von Hunderten Schwimmerinnen und Schwimmern. Was geht dir in den Minuten vor dem Start durch den Kopf?
Ich bin angespannt und gehe mental nochmals alles durch: Sind alle Boote auf Position? Funktioniert die Kommunikation per Funk? Sind alle im Team bereit? Die Verantwortung für die Sicherheit so vieler Menschen zu tragen gibt mir manchmal schon ein mulmiges Gefühl. Aber ich werde von einem tollen Team unterstützt und weiss: Wenn es wirklich darauf ankommt, haben wir an alles gedacht.
Wir bereiten uns immer gut vor und leisten gemeinsam saubere Vorarbeit. Daher kann ich diese Verantwortung tragen. Sobald der Start erfolgt, weicht meine Anspannung einer konzentrierten Ruhe.
Was motiviert dich, dich neben Studium und Beruf so intensiv ehrenamtlich zu engagieren?
Eine innere Begeisterung für die Materie und die Möglichkeit, etwas zurückzugeben. Mein Berufsalltag macht mir sehr viel Spass, aber er ist nicht besonders aktionsreich oder unvorhersehbar. Genau das erlebe ich durch mein Ehrenamt und leiste dabei erst noch einen Beitrag für die Gesellschaft.
Wenn du jemandem in einem schwierigen Moment helfen kannst, bekommst du unglaublich viel zurück. Es ist eine Lebensschule, weil du mit Situationen zurechtkommen musst, die viele noch nie erlebt haben und wahrscheinlich auch nie erleben werden.
Was hast du durch deine Einsätze über Zeit gelernt, das anderen Studierenden helfen könnte?
Dass Zeit selten das eigentliche Problem ist, sondern die Prioritäten. In einem Einsatz lernst du, in Sekunden zu entscheiden, was jetzt wirklich zählt. Dieses Denken hilft mir auch im Alltag: Nicht alles ist gleich dringend, auch wenn es sich gerade so anfühlt.
Wer lernt, das Wesentliche vom Lauten zu unterscheiden, gewinnt enorm viel Ruhe – im Studium wie im Leben.
Du erlebst Situationen, in denen Sekunden entscheidend sein können. Verändert das deinen Blick auf Prüfungsstress, Abgabefristen oder berufliche Herausforderungen?
Ja, sehr. Ich habe oft mit Menschen an ihrem buchstäblich schlimmsten Tag zu tun und sehe Lebensumstände, Zustände und Schicksale, die mich demütig machen. Wenn ich das mit meinem Stress im Studium vergleiche, relativiert sich vieles wie von selbst. Ich gebe im Studium mein Bestes, aber ich gerate nicht in Panik, wenn es mal knapp oder hektisch wird. Die Arbeit im Rettungsdienst – mit dem Ziel, ein Herz wieder zum Schlagen zu bringen – hat mir gezeigt, was es wirklich heisst, unter Druck zu arbeiten.
Welche Fähigkeit aus deinem Studium hilft dir heute am meisten in deinem Ehrenamt?
Ganz klar Kommunikation. Im Studium habe ich gelernt, komplexe Dinge klar und zielgruppengerecht zu vermitteln, ob in Konfliktmanagement, Führungslehre oder Psychologie. Genau das brauche ich auch im Einsatz: Manchmal ist eine klare Kommunikation der entscheidende Faktor – sei es bei der Übergabe an einen Arzt oder im Funkverkehr zwischen Schiff und Rega-Helikopter.
Ein Beispiel: Bei einem Einsatz musste ich gemeinsam mit der örtlichen Polizei einen Mann nach einer Überdosis reanimieren. Da habe ich ganz konkret Dinge aus unserem Teammanagement-Seminar angewandt und mit den Kollegen Hand in Hand gearbeitet.
Wo hat dir die Flexibilität der HWZ konkret geholfen, deine verschiedenen Rollen zu vereinbaren?
Ohne das berufsbegleitende Modell der HWZ könnte ich diese verschiedenen Rollen gar nicht unter einen Hut bringen. Es ermöglicht mir, Theorie und Praxis direkt zu verbinden, und mein Engagement neben Studium und Beruf überhaupt zu leben. Diese Vereinbarkeit war für mich ein entscheidender Grund für die HWZ.
Was würdest du jemandem sagen, der zwischen Karriere, Studium und persönlichem Engagement hin- und hergerissen ist?
Du musst nicht alles gleichzeitig zu 100 % machen. Manchmal ist es sogar wichtig, die volle Konzentration bewusst auf eine einzige Sache zu legen. Aber Engagement lohnt sich fast immer, weil es dir Energie zurückgibt, die du woanders nicht bekommst.
Mein Tipp: fang klein an, sei ehrlich zu dir selbst, was machbar ist, und dann schaue, wie es sich anfühlt. Bei mir geben die Menschen, das Einsatzteam und nicht zuletzt das Know-how und Netzwerk, das ich mir über die Jahre erarbeitet habe, unglaublich viel zurück – das bringt mir ein Leben lang etwas. Und genau das macht mir so Spass.
Was hilft dir, nach einer besonders intensiven Woche mit Studium, Marketingjob und Bereitschaftsdienst trotzdem Energie und Freude zu behalten?
Bewegung und Wasser. Egal, wie voll die Woche war: eine Runde Schwimmen, Segeln oder aufs Rennvelo, und mein Kopf ist wieder frei. Und das Wichtigste: Ich mache nichts davon aus Pflicht. Studium, Job, Ehrenamt – das sind alles Dinge, die ich bewusst gewählt habe, weil sie mir etwas bedeuten. Solange das so bleibt, kommt die Energie von ganz allein zurück.
