Kritik verpflichtet: Georges Ulrichs Weg vom Studenten zum Alumni-Präsidenten
Student, Dozent und Präsident der alumniHWZ: Georges Ulrich hat in den letzten 30 Jahren an der HWZ mehrere Rollen eingenommen. Im Interview verrät er, wie sein Engagement für die Absolvierendenorganisation durch Kritik ausgelöst wurde, was ein starkes Alumni-Netzwerk ausmacht und weshalb es auch heute noch relevant ist.
40 Jahre HWZ · June 22, 2026
Dieser Artikel ist Teil der Content-Reihe zum 40-Jahre-Jubiläum der HWZ. Wir möchten damit die Vielfalt an Geschichten aus unserer Hochschule aufzeigen sowie welche Themen und Personen die HWZ prägen bzw. geprägt haben.
Georges-Simon Ulrich ist eng mit der HWZ verbunden. Er startete mit einem Bachelor in Betriebsökonomie, absolvierte einen Executive MBA und schloss anschliessend das DBA-Programm (Doctor of Business Administration) an unserer damaligen Partneruniversität University of Southern Queensland erfolgreich ab. Heute ist er als Professor an der HWZ tätig und leitet das Präsidium der alumniHWZ.
Georges, deine Geschichte mit der HWZ beginnt in den 1990er-Jahren. Was hat dich damals zur HWZ geführt und was ist dir aus dieser Zeit besonders geblieben?
Ich kam 1996 nicht mit einem Masterplan an die HWZ, sondern weil ich Optionen haben wollte. Rückblickend war das eine meiner besten Entscheidungen: Optionen schlagen Pläne oft um Längen.
Sofort aufgefallen ist mir, dass die Leute mich nicht gefragt haben, wo ich arbeite, sondern: «Wofür brennst du? Was ist deine Leidenschaft?». Daraus ergaben sich völlig neue Diskussionen, das gefiel mir. Das war wahrscheinlich auch der Moment, in dem meine Karriere «statistisch signifikant» an Fahrt aufgenommen hat.
Während deinen Abschlussprüfungen zum Betriebsökonom hast du dich aktiv bei der Absolvierendenorganisation der HWZ eingebracht. Was war der ausschlaggebende Punkt, dass du mehr Verantwortung übernehmen wolltest?
Ich hatte mich darüber geärgert, dass es – aus meiner Sicht – keine Absolvierendenorganisation gab, die sich wirklich für eine angemessene Titelstandeswahrung eingesetzt hat. Ärger ist manchmal ein unterschätzter Innovationstreiber. Ich habe reklamiert und bekam postwendend die Einladung: «Dann mach’s doch selbst.» Das war eine praktische Lektion in Leadership: Kritik verpflichtet.
Jahre später hatte ich ein ähnliches Erlebnis, als es um die Stelle als Direktor beim Bundesamt für Statistik ging. Da hat mich der damalige Bundesrat Alain Berset mit der Bemerkung überrascht: «Man kann nicht den Staat kritisieren und wenn man die Chance hat, etwas zu ändern, dies dann nicht tun». Wir kennen das aus dem wissenschaftlichen Arbeiten: Wer eine Hypothese aufstellt, muss auch bereit sein, sie zu testen.
Du bist heute gleichzeitig Alumni, Dozent und Präsident von alumniHWZ. Wie prägt diese Mehrfachrolle deinen Blick auf die Hochschule?
Ich habe als berufsbegleitender Student begonnen, mich als selbständiger Unternehmer engagiert, begonnen zu unterrichten und irgendwann die alumniHWZ mitgegründet. Heute habe ich dadurch mehrere Blickwinkel und auch eine gewisse Gelassenheit. Institutionen entwickeln die HWZ in eine gute Richtung. Auch der Vorstand der alumniHWZ funktioniert heute so, dass ich nicht mehr entscheidend bin. Das klingt unspektakulär ist aber für mich auch ein Zeichen für gute Führungsarbeit.
Wenn du die Entwicklung der HWZ über die letzten Jahrzehnte betrachtest: Was hat sich aus deiner Sicht am stärksten verändert und was ist gleich geblieben?
Das ist eine schwierige Frage. Verändert hat sich fast alles: Grösse, Professionalität und internationale Einbettung. Zudem hat auch jeder neue Rektor seine eigenen Impulse zur Weiterentwicklung eingebracht.
Gleich geblieben ist jedoch das Entscheidende: die Haltung, dass Aus- und Weiterbildung kein Selbstzweck ist, sondern Wirkung entfalten soll.
Die HWZ ist grösser geworden, aber nicht bequemer. In jüngster Zeit auch disruptiver und definitiv kein Ort für NPCs.
Die Gründung der alumniHWZ 2003 war ein Meilenstein: die erste Alumni-Organisation einer Fachhochschule. Was war damals eure Vision und wie relevant ist sie heute noch?
Unsere Vision war erstaunlich einfach: Die Aussicht auf ein gutes Netzwerk ausserhalb des Arbeitgebers ist ein Selektionskriterium bei der Wahl einer Hochschule, weil das Netzwerk uns auch dann noch trägt, wenn das Studium längst vorbei ist. Wir waren kurz nach der Gründung die am schnellsten wachsende Absolventenorganisation: rund 80 % der Absolvierenden wurden zu Mitgliedern. Aus Deutschland hatten wir damals Vergleichszahlen von etwa 4 %. Darauf waren wir sehr stolz.
Heute gibt es andere Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Es ist schwieriger geworden, die Leute an Bord zu holen, aber nicht weniger wichtig. Ich würde sagen, dass wir nicht einfach ein Netzwerk aufgebaut, sondern ein System geschaffen haben, das Beziehungen mit einem «Wir- Gefühl» verbindet. Ein «Weisch no» verbindet oft mehr als man denkt, und macht das Netzwerk darum so wertvoll.
Die HWZ steht für Praxisnähe und unternehmerisches Denken. Wo erlebst du diese Haltung heute besonders stark?
Sind wir ehrlich: sich eloquent ausdrücken können heute auch Algorithmen. Die Fähigkeiten, die zentral geworden sind, sind zu liefern, wenn es zählt und nicht einzuknicken, wenn es eng wird. Wer berufsbegleitend studiert hat, weiss genau, wovon ich spreche.
Zudem: An der HWZ merken Studierende schnell, dass Theorie und Wissen allein keine Wirkung erzielen. Es geht darum, beides als Werkzeug richtig einzusetzen und etwas zu bewegen. Das ist es, was zählt. HWZ-Absolventinnen und Absolventen waren durch ihre Praxisnähe schon immer gut darin, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen.
Die alumniHWZ zählt mittlerweile 3'338 Mitglieder. Was macht aus deiner Sicht ein starkes Alumni-Netzwerk aus?
Anfangs ging es vor allem darum, einen möglichst hohen Organisationsgrad zu erreichen, damit wir politisch überhaupt wahrgenommen wurden und auch von einem wirklichen Netzwerk sprechen konnten. Heute sind wir mittels der FHSCHWEIZ mit rund 80'000 Mitgliedern vernetzt. Mit so vielen FH-Absolvierenden per Du zu sein, das ist schon was!
Und doch würde ich sagen, es ist nicht die Grösse oder die Anzahl Events, die ein starkes Netzwerk ausmachen. Es ist das Vertrauen, dass dich in diesem Netzwerk jemand weiterbringt, wenn du es brauchst. Anders formuliert: Ein gutes Netzwerk maximiert nicht die Anzahl Kontakte, sondern die Qualität der Verbindungen.
Du hast einmal gesagt, dass du aus deiner Beziehung zur HWZ «auf unterschiedlichster Ebene x-fach mehr zurückbekommen hast, als du dir je erträumt hättest». Worauf spielst du hier genau an?
Wenn ich Geld anlege, erwarte ich einen Impact oder eine Rendite. Mit dem Entscheid, berufsbegleitend zu studieren, investiert man auch – nämlich Zeit, Energie, Engagement und Schulgeld. Was ich zurückbekommen habe, war deutlich mehr: Anwendungskompetenz, Vertrauen auf meine Leistungsfähigkeit, wenn es zählt. Aber auch Chancen, Perspektiven und eben Optionen. Das Studium an der HWZ war für mich nicht einfach ein Kapitel, sondern ein Multiplikator.
Auch statistisch gesehen, leben Menschen, die diesen Weg gewählt haben, nicht nur glücklicher, wohlhabender und länger, sie sind auch neugieriger, leistungsorientierter und resilienter in vielerlei Hinsicht.
Die HWZ ist somit eine gute Investition in sich selbst.
Was können heutige Studierende konkret aus deiner Geschichte lernen – gerade im Umgang mit Chancen, Kritik und Engagement?
Sei offen für Optionen, denn Chancen erkennt man selten im Voraus. Aber wenn sie da sind, musst du zugreifen können (wenn du denn willst).
Kritik ist oft ein unterschätztes Lerngeschenk, freue dich darüber. Diese Einstellung macht es einfacher mit ihr umzugehen und bringt dich so auch weiter.
Engagement und Neugier zahlen sich aus, aber nicht immer dort, wo du es erwartest. Sie sind die Basis für Kreativität und das Erkennen von Synergien in der realen Welt, etwas das Algorithmen heute zumindest nur beschränkt liefern können.
Und hey: Karrieren verlaufen nicht linear, sie werden im Nachhinein nur einfach gerne linear erzählt. 😉
Zum Schluss: Wofür sollte die HWZ auch künftig bekannt sein?
Für Menschen, die nicht nur verstehen wollen, wie etwas funktioniert, sondern die auch bereit sind mitzugestalten. Die HWZ produziert Abschlüsse, die ihre Absolvierenden dazu befähigen, Wirkung zu erzeugen und sich immer wieder neu zu erfinden.
Und für den Ort, wo ich Teil einer coolen Alumni-Organisation werden kann.
